Ich hatte einen Augenblick meiner kleinen Schwester und des Tannenmusjes vergessen, denen ich doch eigentlich nachlief. Nun aber ging ich gar wehmüthig fürbaß, trank von Zeit zu Zeit aus der ehrlichen Flasche und war kreuzunglücklich, denn von den Verlornen fand ich keine Spur. Ich weiß nun nicht, kam's von der Betrübniß oder vom Maiwein, kurz und gut, mir ward ganz träumerisch, dazwischen ein bischen toll und unsinnig, daß ich bald die Bäume umarmte und ihnen lange Reden hielt, bald auf einem Bein über Stock und Stein sprang und Glückspilzchen richtig wieder vergaß. Wenn ich dann aber den traurigen Rappel bekam, mußte ich gleich wieder an den verlornen Wildfang denken und klagte Sonne, Mond und Sternen mein Leid. Ich habe dabei eine ganze Menge Verse aus dem Stegreif losgelassen, kann mich aber auf keinen mehr besinnen.
Da kam auf einmal eine steinalte Frau des Weges, einen Korb auf dem Rücken, ein Reisbündel in der Schürze vor sich, und hatte mehr Runzeln im Gesicht, als Haare auf dem Kopf. Ich aber in meiner Verdrehtheit denke: So wahr ich Paul heiße, ist die da nicht mein alter Schatz, die mir gerade vorm Jahre den Dienst aufgekündigt hat? Und da schoß mir richtig die alte Liebe wieder so stark zum Herzen, daß ich vor Wallung nimmer weiter konnte und mich der Herzallerliebsten gerade in den Weg stellte. Dabei sagte ich ungefähr folgendes:
Es weht aus einander der lose Wind
Die Wellen und Wolken und Flammen.
Zwei Herzen, die für einander sind,
Die finden sich immer zusammen.
Mein Haar ist worden dünn und grau,
Meine Wange welk und bleich.
Mein Liebchen, blicke mich an genau,
Und du erkennst mich gleich.
Somit breitete ich die Arme aus und wollte sie gerührt an mein Herz drücken. Da fing sie ganz entsetzlich an zu keifen, was das für ein Nestküken sei, der ein altes Weib am Narrenseil zu leiten gedächte, und ich sollte sie ihrer Wege gehn lassen. Weiß der Himmel was ich dachte! so viel ist gewiß, ich ließ sie nicht los, umfing sie vielmehr zärtlich und sang:
Kehr um, kehr um und tanz mit mir
Und weich mir nicht von der Seiten.
Die Vöglein singen so lockend hier,
Im Takte die Bächlein gleiten.
Ich bin beglänzt, du bist beglänzt
Von Maiwein und von Liebe.
Der Wald der ist von Sonne beglänzt,
Daß er nicht nüchtern bliebe.
Die ganze Welt hat einen Glanz,
Sie tanzt mit uns in die Runde.
Und sind wir Alle müde vom Tanz,
Das ist die jüngste Stunde.
Und nun begann ich so ausgelassen zu tanzen, daß die Vögel im Wald glaubten, es käme ein Erdbeben, und meiner schönen Tänzerin wackelten die alten Knochen und sie schrie gar gottserbärmlich. Laßt mich los! rief sie und wollte sich mir entwinden. Ich aber immer noch in dem guten Glauben, es sei mein altes Liebchen und sie wolle nur nichts von mir wissen, hielt sie nur fester und schwätzte ihr das ungewaschenste Zeug in die Ohren. – Er Nichtsnutz! war die Antwort, laß Er mich los, ich rath's Ihm, oder es bekommt Ihm schlimm. Joseph, Joseph! rief sie darauf. Ich meinte, sie riefe den Pflegevater des Christkindleins um Hülfe an; wie ich aber eben wieder einen prächtigen Luftsprung mit ihr gethan hatte, kam plötzlich ein stämmiger Gesell von der Seite her auf mich zu, hatte einen tüchtigen Stecken in der Hand und prügelte so wacker auf mich ein, daß mir Hören und Sehen verging und ich über eine Baumwurzel stolpernd gar unsanft zu Boden fiel.
Da lag ich nun längelangs, und der Glanz verging mir; denn ich konnte mich nicht regen, so zerschlagen war ich. Ich hörte aber, wie das Weib dem Joseph die Historie berichtete, und der darauf sagte: Er wird's nimmer wieder thun, ich hab ihm den Garaus gemacht. Was hast aber da für eine Puppe im Korb? – Ist mir heut unter die Finger gerathen, da ich Holz sammelte, erwiederte das Weib. Wollt's unserm Enkelkind als Spielzeug geben. – Es hat ein gefährlich Ansehn, sagte der Joseph darauf. Wirf's weg! kannst nicht wissen, ob's nicht behext ist oder der Teufel selbst, den du dir auflädst und wirst ihn nimmer los danach. – Ich hörte was fallen ins Gras; dann schritten die Beiden weiter und ließen mich allein mit meinen Beulen und meinem Aerger, daß ich so eine alte Schachtel für mein junges Liebchen angesehn hatte.