Und gehst du über den Kirchhof,
Da find'st du ein frisches Grab;
Da senkten sie mit Thränen
Ein schönes Herz hinab.
Und fragst du, woran's gestorben?
Kein Grabstein Antwort giebt;
Doch leise flüstern die Lüftchen:
Es hatte zu heiß geliebt.
Eine wehmüthige Stille durchzog das Gemach, die Keins zu brechen wagte. Endlich aber sagte der Bruder: »Sieh den schönen Schmetterling, der da hereingeflogen ist, wie er in deiner Nähe herumflattert! jetzt sitzt er auf deiner Stirn; sieh nur, wie zärtlich er thut!« Wirklich flog ein kleiner blauer Schmetterling um der Jungfrau Angesicht her und berührte sogar leise ihre Lippen. Die Geschwister lächelten. Es lag ein eigenthümlich Gemisch von Scheu und Inbrunst in den Bewegungen des kleinen Wesens, und eine ganze Zeitlang sahen sie ihm mit Vergnügen zu. Plötzlich aber taumelte er zurück und stürzte todt in den Schoß der Jungfrau. Betroffen sahen sich die Beiden an. Der zärtliche Bruder sagte: »Er ist so lange um das Licht herumgeflogen, bis er sich die Flügel verbrannt hat.« Die Schwester aber war aufgestanden, lehnte sich sinnend an das Fenster, und mit dem kleinen entseelten Schmetterling in der Hand schaute sie hinaus. Ein kühler Nachtwind fuhr durch die Saiten der Laute, und wie im Traum lispelte die Jungfrau: »Er hatte zu heiß geliebt!«
Das Märchen von Blindekuh.
Es war einmal ein kleiner königlicher Kuhjunge, der hieß John, und hatte Sonntag wie Alltag einen Miethszettel hinten heraushängen (nämlich den Hemdenzipfel, der aus den Höschen vorguckte). Darum nannten ihn die Kammerjungfern und Lakayen nie anders, als den Kuhjohn mit dem Miethszettel; und das nahm er sich sehr zu Herzen, denn er konnt' es doch einmal nicht ändern. Da seine Mutter selig ans Sterben kam, hatte sie ihm gehörig eingeschärft, er solle bei Hofe nur immer brav Respekt haben; dann werd' es ihm schon wohl gehn. Nun merkte er sich's und hatte erstaunlich viel Respekt, den ganzen Tag über bis spät in die Nacht, wo er sich auf dem Futterboden schlafen legte. Da ging's ihm denn auch wirklich recht wohl, für einen Kuhjungen zumal. Denn oben auf dem Boden hatte er ein Nest aufgespürt an der Dachluke, darin logirte eine Spatzenfamilie, die bei ihm in Kost ging. Ei, dachte er, wenn er ihnen Brodkrümchen streute, so giebt's doch auch Leute, die vor mir Respekt haben! Außerdem hatte er gute Freundschaft geschlossen mit der alten Melkmarei, die ihm oft eine Brodsuppe kochte; denn das war eigentlich ihr Fach, und des Großmoguls Koch hätte es nicht besser verstanden. Nebenher aber war die Melkmarei eine richtige Hexe, und kein Mensch wußte es, und der kleine Kuhjohn auch nicht.
Der König nun, dem der Kuhstall gehörte, hieß Grobianus und hatte eine wunderschöne Tochter, die Naserümpfchen genannt wurde. Wenn der kleine Kuhjohn der Prinzessin ansichtig ward, hatte er noch zehnmal so viel Respekt als sonst, und noch weit mehr, als vor ihrem Vater, weil der sich mit all seinen Leuten gar so gemein machte und ihm selbst einmal höchsteigenhändig einen Fußtritt gab. Dergleichen fiel Naserümpfchen nicht ein; sie zuckte nur immer die Achseln und sagte zu Allem, was ihr nicht recht war, auf Französisch: puh!