In derselben Nacht saß Fedelint in seinem Studentenstübchen am Pult und hatte einen großen griechischen Folianten in Schweinsleder vor sich. Er war eben wieder aus dem Carcer gelassen worden, darin er bei Wasser und Butterbrod vier und zwanzig Stunden hatte sitzen müssen. Dessenungeachtet war er gleich zum Glas-Pavillon gelaufen, um sein geliebtes Funzifudelchen zu sehn; aber zwei Nachtwächter standen da Schildwacht und ließen ihn nicht herankommen. Man hatte ihnen freilich die Augen verbunden, und ihren großen Bulldoggen auch, damit sie nicht selbst das Verbot übertreten möchten, das sie überwachen sollten; aber sie fochten die ganze Nacht hindurch mit großen Spießen rings um sich her in die blaue Luft, und die Hunde waren so abgerichtet, daß sie beständig die Zähne fletschten, so daß der arme Fedelint, so viel Herz er auch hatte, doch unmöglich herzukonnte. So schlenderte er also trübe nach Haus, und wie er durch die mondhellen Gassen ging, fiel ihm ein Lied ein und er sang:

In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht
Gehen Engel um auf leisen Sohlen;
Blonde Engel, innig und verstohlen
Küssen sie im Traum die schönsten Blumen.

Süßes Herzlieb, allerschönste Blume!
Weiß es wohl, woher die Glorie stammet,
Die dir heut das Antlitz überflammet;
Bist noch in den Traum der Nacht verloren.

Denkst der Engel, die durchs offne Fenster
Sich auf Mondesstrahlen zu dir schwangen,
Hauchten leisen Kuß auf Mund und Wangen
In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht!

Ja wenn ich nur ein Engel wär' und auf den Mondstrahlen reiten könnte! sagte er vor sich hin. Dann schlich er unter Seufzern und Stoßgebetlein heim, kletterte die vier Treppen hinauf und trat in seine Stube. Sein Schlafgesell lag schon im Bett und schnarchte für Vier. Er schien ziemlich selig nach Haus gekommen zu sein; denn er lag mit Kanonenstiefeln und Sammetrock da und hielt den Korb des Schlägers, an dem die Cereviskappe noch vom Landesvater her steckte, steif in der rechten Faust, über die der dicke Lederhandschuh gezogen war. Fedelint achtete das nicht, setzte sich, nachdem er ein Licht angezündet, hin und schlug den Folianten auf, aus dem er eifrig zu übersetzen schien. Aber weiß Gott, was da in dem alten vergriffenen Codex stand, oder ob Fedelint nicht recht lesen konnte; kurz und gut, es kamen lauter Sonette an Funzifudelchen aufs Papier.

Da klopfte es dreimal an die Thür. Nur immer herein! rief der am Pult. Die Thür ging schreiend auf, denn sie war, wie das so in Studentenwirthschaften zu gehn pflegt, lange nicht geschmiert worden, und ein altes vertrocknetes Mütterchen trat ein mit einer wunderschönen rothen Nase, die wie lauter Rubin funkelte. Sie wäre trotz ihrer Jugend immer noch eine ganz leidliche Frau gewesen, wenn sie ein paar Zähne mehr und ein paar Falten im Gesicht weniger gehabt hätte. Junger Herr Studiosus, fing sie an und zwinkerte schlau mit den Augen, junger Herr Studiosus! – Was wollt Ihr denn noch so spät, gute Alte? sagte Fedelint und bot der Alten den einzigen noch nicht zerbrochenen Stuhl an, nachdem er ein Dutzend Bücher weggeräumt hatte. – Nicht sitzen, junger Herr, nicht sitzen! Mit mir müßt Ihr gehn, in den Wald hinaus, links an der Mühle vorbei; da liegt ein Schatz, hihihi! viel roth Gold! Sollt ihn haben, wenn Ihr mitkommt. – Fedelint bedachte sich nicht lange. Das Geld war ihm dummer Weise schon seit vierzehn Tagen ausgegangen, und die Philister wollten nicht länger borgen. – Wartet, alte Hexe, rief er, ich will nur meinen Schlafrock anziehn. Es sind böse Nebel zu Nacht. Damit schlupfte er in den großblumigen Schlafrock hinein, setzte die Mütze auf die braunen Locken, und folgte der Alten, die kichernd die Treppen hinabrutschte. Sie gingen zusammen durch die verzwicktesten Gäßchen, immer an den Häusern entlang, die im Schatten standen, und die Alte trippelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit voraus. Zum Kuckuk! rief Fedelint, lauft nicht so, Alte! Ich bin müde, habe vierundzwanzig Stunden im Carcer gesessen und nichts zu beißen gehabt, als erbärmliches Butterbrod. – Hihihi! kicherte die Alte. – Hört einmal, fing Fedelint wieder an, laßt mir auch das ewige Kichern; es wird einem ganz unheimlich dabei. – O du liebe Zeit! sagte die Alte; Euch Herrn Studiosen ist auch gar nichts recht zu machen. Immer habt Ihr was zu befehlen und großzusprechen. – Alte, ich kann die anzüglichen Redensarten nicht ausstehn! drohte Fedelint. Am besten ist's, wir reden kein Wort zusammen bis zum Schatze. – Ja ja, der Schatz, der Schatz! murmelte die Alte halblaut und schmunzelte. Ist noch ein bischen weit hin. – Sie waren zum Thore hinaus, und da fing gleich der stockfinstre Wald an. Nur ein schwacher Mondblitz fiel von Zeit zu Zeit auf den Weg, den sie einschlugen; aber die Alte mußte Augen haben, wie eine rechte Eule, denn sie stieß kein einzig Mal an einen Baum oder stolperte über eine Wurzel; vielmehr glaubte Fedelint zu bemerken, daß die Aeste und Sträucher scheu vor ihr ausbogen.

Am Ende ist's eine Hexe, dachte er bei sich. Es lief ihm ein bischen kalt über den Rücken. Dann aber dacht' er gleich: Was kann sie mir thun? An meinem Leben liegt mir nicht so viel; da würd' ich der Qual um Funzifudelchen auf einmal los. Aber wenn sie mich gar heirathete! Solche alte Schachteln denken gewöhnlich, sie sind immer noch viel zu gut für so ein junges Blut. Ach, was schiert's mich! Wenn sie's zu arg macht, kann ich ja doch immer noch Nein sagen. – Sie gingen neben einem blanken Bach vorbei, in den der Mond gar hell und silbern hineinsah. Da hörte Fedelint, wie die Alte ein Lied vor sich sang, gerade als wüßte sie, was er gedacht hatte:

Und bild' dir keine Narrheit ein!
Du bist mir viel zu jung;
Hast kaum drei Haar' unterm Näschen dein,
Das ist mir nicht genung.

Und wenn ich einen heirathen thu',
Muß sein ein Reiter zu Roß,
Noch 'mal so breit und lang wie du,
Sein Bart dreier Ellen groß.

Sein Rößlein saus't in Windeslauf,
Sein Bart der deckt mich zu;
Ich sitz' vor ihm am Sattelknauf,
Und hinterm Ofen du!