Eben wollte Fedelint anfangen, der Alten den Text zu lesen über solch ein ehrenrühriges Lied, da machte der Weg eine Schwenkung und sie standen vor einer schaurigen Schlucht, in die der Bach schäumend sich hinabwarf und ein gewaltiges schwarzes Mühlenrad trieb. Die Mühle lag in dunkeln Umrissen dahinter, an den Berg angelehnt, drüber gelagert großmächtige Eichen und Edeltannen, die die Hütte wie mit Adlersflügeln zu decken und zu bewachen schienen. Junger Herr Studiosus, flüsterte die Alte freundlich grinsend und faßte ihn mit der spindeldürren Hand am Arm, da den Steg hinab, da geht's zum Schatze. Fedelint folgte zögernd und hatte sich nur in Acht zu nehmen, daß sein Schlafrock nicht alle Augenblicke an den spitzen Felszacken hangen blieb. Ein morscher Baumstamm lag über dem Bach, der unter ihren Füßen krachte, und die Wellen murmelten: kullerkuller, hüt' dich! hüt' dich, Studentchen! gluck! gluck! Aber Fedelint war ganz gutes Muths, denn er dachte an Funzifudelchen.
Sie waren schon hart an der Mühle, doch konnte Fedelint die alte wohlbekannte Hütte nicht wiedererkennen; auch der Grund, in dem sie lag, schien ihm verändert, wilder und schauerlicher, und die Berge, die sonst ein gut Stück von einander entfernt waren, rückten ganz nahe zusammen und drohten einander mit den überhangenden Kuppen, wie riesige Stiere, die einander die Hörner weisen. Anstatt der verfallnen Hütte aber, in der nur der alte Müller wohnte, stand eine verwilderte Burg, ganz in Trümmern, die zerrissene Arme gegen den Nachthimmel streckte, und zwischen den Fensterlücken, wo das Nachtgevögel kreischend aus- und einflog, drängten sich die Mondstrahlen und zitterten über die Schlinggewächse, die aus allen Ritzen vorbrachen. Ein einziges Erkerchen war wohlerhalten und schien bewohnt. »Seht Ihr, Herr Studiosus? da wo das Licht blinkt, zwischen den weißen Hängen, da ist der Schatz verborgen.« Wie die Alte das sagte, fing eine Guitarre leise an zu klimpern und eine holdselige Stimme sang dazu. Fedelint horchte mit verhaltenem Athem auf folgende Worte:
Fedelint! Fedelint!
Die Nacht ist lang;
Da wird so bang
Deinem treuen Kind!
Alt Eule schreit,
Des Windes Saus
Geht rings ums Haus;
Was bist so weit?
Komm, komm geschwind!
Mein Herz und Sinn
Zu dir steht hin,
Fedelint! Fedelint!
Wollt Ihr sie verschmachten lassen, junger Herr? flüsterte die Alte. Ruft ihr zu, daß Ihr kommen wollt. – Ich weiß nicht, Alte, sagte Fedelint, mir sitzt was im Hals, ich kann nicht rufen; laßt mich hineinschaun. – Kommt, erwiederte die Alte, ich will Euch huckepack zum Erkerfensterchen tragen. – Damit hatte sie den leichten Studenten schon auf den Rücken genommen und war mit ihm nach dem Fenster getrippelt. Der Wind stieß die Vorhänge fort, daß das Licht drinnen flackerte und der Schlafrock Fedelints der Alten weit über den Rücken wehte. Den aber kümmerte es nicht; mit den Händen klammerte er sich ans Fenstersims und schaute hinein. Da lag ein wunderschönes Mädchen mit tiefschwarzem Haar im Großvaterstuhl, die Guitarre in den schwellenden weißen Armen, und die weißen Finger glitten eben wieder über die Saiten, als Fedelint den Kopf zum Fenster hineinsteckte. Da schlug sie die langen Wimpern zu ihm auf, sah ihn mit wehmüthiger Sehnsucht an und sang:
Fedelint! Fedelint!
Mußt fest dich klammern
An meiner Kammern
Fensterlein fest,
Auf daß dich läßt
Hangen der Wind, der Wind!
Doch mußt vorher
Verschwör'n, vergessen
Die kleine Prinzessen;
Darfst sonst nicht ein
Zur Liebsten dein,
Küssen sie nimmer, nimmermehr!
Hihihi! kicherte die Alte unten und schob den Schlafrock weg, daß der auf ihrem Rücken besser hören möchte, seid doch klug, Herr Studiosus! was soll Euch das blinde, verwunschene Ding? – Darauf wurde es stille; nur der Mühlbach rauschte gewaltig auf. Fedelint packte ein eisiger Schrecken am Schopf; das schöne Mädchen stand auf vom Großvaterstuhl, ging lächelnd und winkend auf ihn zu, und wollt' ihm die Hand reichen, um ihm hineinzuhelfen. Plötzlich trat ihm Funzifudelchens Bild vor die Seele, wie sie so hold und blumenhaft im Bettchen lag und war so lieb und gut und wäre so gern erlös't worden, und er faßte sich ein Herz und schrie: In die Hölle, ihr Hexenpack, jung und alt! – Da that das schöne Mädchen einen gewaltigen Schrei, die Alte kreischte laut auf, schleuderte den armen Fedelint hoch in die Luft, und wie er wieder zu sich und auf die Erde kam, war Alles verschwunden. Er stand hart an der Thür der wohlbekannten Mühlenhütte; es war wieder der alte freundliche Grund, und der Mühlbach trieb ruhig das Rad, daß der Schaum im Mond glitzerte.
Fedelint rieb sich an der Stirn; es war ihm, als hätte er geträumt; und doch war Alles so lebendig gewesen, er meinte noch immer das heisere Kichern der Alten zu hören. Leise klinkte er die Thür auf und trat hinein. Innen hörte er zwei Leute schnarchen; das Mondlicht, das durchs Fenster schien, ließ ihn den Müller und seinen Mühljungen erkennen, die lagen auf dem Stroh und Jeder hatte einen mächtigen Mühlstein als Kissen unterm Kopf. Behutsam machte sich Fedelint fort und zog die Thür leise hinter sich zu. – Bin ich denn nicht bei Sinnen, oder ist's das Fasten im Carcer, das mich so schwach gemacht hat? murmelte er vor sich hin, als er weiter ging. Der morsche Balken war verschwunden; dafür ging er über den alten festen Steg und hielt sich am Geländer fest, weil ihm schwindelte vor all seinen Gedanken. Muß machen, daß ich nach Haus komme, sagte er; die alte Schneiderin (das war nämlich seine Wirthin) soll mir einen rechtschaffnen Fliederthee kochen, damit ich das Fieber los werde. – So ging er die dunkeln Waldwege nach der Stadt zurück. Ein leiser Regenschauer machte ihn frösteln; doch wurde er ganz lustig und sang alte, schöne Studentenlieder, und dachte an Funzifudelchen. Der Regen hörte allmählich auf, und die Wolken flogen fort, die den Mond verhüllt hatten. An einem heimlichen Plätzchen machte er einen Augenblick Halt; da glänzte der Mond gar zu schön und die Wellen liefen lustig murmelnd vorüber. Ein Weidenbaum hing quer über den Bach, daß der Stamm eine ordentliche Brücke bildete. Ei, da muß sich's schön sitzen lassen! dachte Fedelint, schwang sich behend auf den Stamm, und ließ Füße und Schlafrock herunterhangen, daß die Wellen ihm die Sohlen seiner Stiefel benetzten; aber der Schlafrock bekam einen wundervollen nassen Saum. Wie er so saß, kam ihm wieder ein Lied in den Sinn, und er sang: