Nein, Moidi. Du weißt ja, daß ich auf dem Posten bleiben muß, solang' ich den Saltner mache.

Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich. Ich komm' aber schon wieder zu dir. Gute Nacht!

Er kämpfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen. Aber ehe er sich entschließen konnte, war sie schon auf und davon. Am Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte sich zierlich um ihre Knöchel, bei jedem Schritt wie ein Fächer die Falten öffnend und wieder zusammenschlagend. Von oben winkte sie noch einmal zurück mit der Hand. Er grüßte nicht hinauf; das Geländer zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust.

In diesem Augenblick hörte er einen raschen Männerschritt von unten heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbärtigen starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgerüstet, statt der Hellebarde eine große Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren wuchtiges Ende er lustig winkend schwang. Andree! sagte er, als er ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht? Soll ich mit dir wachen? Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt. Und sei gewiß, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstärkung mit. Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spaß zu versalzen!—und er zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und ließ den Hahn knacken.

Ich dank', Köbele, erwiderte Andree. Der Welsche ist feige wie die Sünde. Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist, sind wir zwei doch zu schwach gegen sie. Ich gebe dann das Zeichen, und du magst's den andern sagen, daß sie fein aufpassen. Das Ding da—er wies auf die Taschenpistole—laß aber in Frieden. Bei der Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst bloß das Kraut. Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schläge besser als so ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns.

Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort. Es ist halt nur auf alle
Fälle. Ich wollt' aber, sie kämen. Sie haben eine schöne Rechnung
bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die
Halunken. Einmal müssen wir's ihnen eintränken.

Andree schwieg, und der Bärtige stieg mit einem kurzen Gruß wieder hinab. Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewähren zu lassen und sich ihm nicht aufzudrängen.

Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden währte es, bis die Nacht die Herrschaft gewann. Denn zur Rechten hoch aus dem Vintschgau zuströmend und drüben bis an den Gürtel des Ifinger hinab waltete noch die Tageshelle, und ein bläulicher Duft wölkte sich über dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen, der hinter der Bergwand sich in die Täler hereinstahl. Die Hirten trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den Dörfern hinauf belebten sich mit schönen falben Kühen, die über Tag an den Bächen unten geweidet hatten. Im Süden aber die Trientiner Berge und die schöne, kühn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich unter den feuchten Dünsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte.

Spät erst kam ein schmales Stück des Mondes hervor, warf einen unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der schweren Feuchte, die sich träge an den Bergen hintrieb. Das letzte Geräusch in der Stadt, wo der Feierabend frühzeitig eintritt, das letzte Geläut von den Türmen hüben und drüben verklang. Nur die raschen Bergwässer rauschten, und von ferne summte der Südwind daher, trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch die Blätter des vergangenen Herbstes. Auch das ward still, als es gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm über der Erde und goß ihren Schlaftau auf die tausend Augen.

Die Weinhüter schliefen nicht, und sie wußten warum. Es war nicht die erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengänge versucht und schweren Schaden verübt hatten. Oben bei seiner Maisstrohhütte saß Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im Dunkeln öfters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch hatte füllen lassen. Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das Blätterdach auf ihn eindrangen, fühlte er kaum in seinen dichten Haaren. Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht über der Straße, wo die Laube durch grobe Kürbisblätter und ein vortretendes Mäuerchen zu einem Spähewinkel ausgebaut war. Hier duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und zündete eine neue Pfeife an. Sein Blut war viel ruhiger als über Tag. Es tat ihm wohl, daß er zu tun bekam, daß er seine heiße Unruhe an einer Gefahr austoben konnte. Denn daß der Welsche die Nacht nicht vorüberlassen würde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest.