Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit das Tagesgespräch war, wurde der Jüngling doppelt nachdenklich und brach eilig ab. Ihm selbst schienen alle Mädchen eher unbequem und alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein. Ob er darüber nachdachte, jemals ein eigenes Hauswesen zu gründen, war nicht zu enträtseln. Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Möglichkeit erschien, die doch wohl zu verwinden wäre. Du bist ein Kind, sagte er dann. Wer darf dich heiraten? Die Männer sind alle schlecht und Ehstand ist Wehstand. Du sollst bei mir bleiben, ich will schon für dich schaffen und dir ein gutes Leben machen. Was schwatzest du von anderen? Eh' mir einer gut genug ist für dich, muß die Passer den Ifinger hinanfließen.
Sie lachte zu solchen Reden und ließ sie sich gefallen, weil sie ihr schmeichelten. Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten Sinn wurzeln zu können. Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich von ferne blicken ließen, zurückzuschrecken. Und so blieb durch viele Jahre droben auf dem Küchelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen, und keine Änderung war abzusehen.
Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon seinen würdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte. Er starb im Säuferwahnsinn. Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen. Eine nähere Schilderung jenes bösen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf, wird uns gern erlassen werden. Die Geschwister trennten sich; die blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer zweiten Mißhandlung auszusetzen. Geh nur, sagte sie. Es ist besser so. Ich verlass' dich schon nicht. Du weißt ja, ich mach' mit ihr, was ich will, und wenn sie mir das Türl versperrt, spring' ich zum Fenster hinaus und lauf zu dir.
Auch hielt sie Wort. Aber was half's ihm, daß keine Woche verging, wo sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen? Täglich, stündlich war er ihre Nähe gewohnt gewesen. Jenes kindische Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft genug, wenn er nach heißer Arbeit unter den Kastanienzweigen saß, so unbezwinglich über den Kopf, daß er den schroffen Abhang des Berges dicht über dem Dorfe Gratsch hinanstürmte, um nur vor Schlafengehen noch das Dach des Häuschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Mädchen selber glich. Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen, wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, daß er in fiebernder Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie zurückhalte. Er lag dann förmlich im Hinterhalt. Kam ein Bursch vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine Mienen auszukundschaften. Ihm war unselig dabei zu Mut. Eine Ahnung dämmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und löblich. Warum gönnte er der Schwester nicht, was allen Mädchen zukam, Freiheit in Wünschen und Neigungen? Mit heißer Angst jagte er diese Gedanken von dannen, die immer zudringlicher zurückkamen. Freilich ihr Vater war nicht der seine. Aber waren sie darum weniger Geschwister?
Oft genug kam es ihm auch, daß er fort müsse, daß es ihm draußen leichter ums Herz werden würde. Was stand ihm auch im Wege? Was hielt ihn? Hier nicht besser als in der weiten Welt mußte er sich hart durchs Leben schlagen. Und wer weiß, er konnte wohl seinen Vater draußen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu verändern. Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen hätte!
Von neuem wälzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei der Schlafenden saß und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn bewachte. Die Erschütterung, von der sie nun erquicklich und erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung. Er suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Gelübde zu tun, das ihn forttriebe von hier, wo die natürlichsten Bande sich so unheilvoll verstrickt hatten. Neben ihr begriff er nur zu gut, wie nötig es sei, zu fliehen. Aber wenn er darin wieder allein war, fühlte er, daß es unmöglich sei.
Er rührte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu küssen. Aber die Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen, leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen.
Es ward schon abendlicher draußen, denn der Marlinger Berg im Westen verbirgt die Sonne früh. Die Schläferin erinnerte sich jetzt, richtete sich im Grase auf und sah mit großen Augen umher. Als sie den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an. Wie lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert. Wie kam es denn, daß ich mich hier niedergelegt hab'?
Es war heiß, sagte er. Nun aber geh nach Haus, Moidi. Ich muß drüben nachschauen, ob alles in Ordnung ist.
Sie stand auf und gab ihm die Hand. Gute Nacht, Andree, sagte sie hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr auf. Übermorgen ist Sonntag. Du kommst doch in die Kirche?