So auch bei der Moidi. Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden, daß auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam. Sie scherzte während der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen Augen betrachtete. Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten hatte, eine große Tüte mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt. Zwar bei einem Vergleich mit dem Hirzerjoseph mußte des Wolfharts Franz den kürzeren ziehen. Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weißblonden Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie durch die Schablone gemalt, an Häusern, Torwegen und vollends in den Kirchen zahlreich uns begegnen. Aber die Moidi besaß Schwarz genug, um in seine übermäßige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fühlen. Nach dem raschen, durchaus geschäftsmäßigen Gang, den diese Dinge hier nehmen, zog der Franz schon vier Wochen später als junger Ehemann in das Haus seiner Neuvermählten auf dem Küchelberg, und damit war zum zweitenmal das wiedererwachte Gerede über die Schicksale der schwarzen Moidi verstummt und verschallt.
Nicht für allzu lange Zeit. Über Jahr und Tag entsproß dieser Ehe ein Mädchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den teilnehmenden Nachbarn zu reden gab. Es war das leibhaftige Ebenbild des Vaters, schön weiß und rot, mit schlichtem blondem Haar, der Mutter in keinem Zuge ähnlich, als daß sich früh Anwandlungen einer phantastischen Gemütsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als bei der Mutter und durch die große Anmut ihrer kleinen Person ins Liebenswürdige gemildert, aber immerhin gefährlich, da es dem Kinde an einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezügelt und die schönen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet hätte.
Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen Schmeichelkünste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so vollständig, daß sie dem älteren Bruder selbst das Pflichtteil der Barmherzigkeit mit entwendete. Er, der früher der Abgott seiner Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgültigkeit, sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben. Es half nicht viel, daß der gutmütige Pflegevater sich des Knaben annahm. Ja selbst, als die kleine Schwester heranwuchs und sich mit stürmischer Zärtlichkeit an den Bruder anschloß, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte, den Widergeist der Mutter nicht zu bezähmen. Vielmehr schien gerade ihre Fürsprache den unnatürlichen Haß zu schüren, da sich nun eine Art von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und böse Mißgunst auf die liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem plötzlich Verstoßenen begegnete.
So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem armen Knaben gewonnen, daß er vor leiblicher Mißhandlung geschützt wurde. Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem einstigen Liebling tätlich vergriff, war auch das letzte. Damals zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von dem wir im Beginn unserer Erzählung ein Beispiel erlebt haben. Zum Glück war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstürmte. Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden Händen die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen werden konnte.
Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jähen Anlässen ähnliche folgten, erhob die alte Moidi bis zu jenem verhängnisvollen Tage der Trennung nicht wieder die Hand gegen den Sohn. Ihre Abneigung wurde aber nur finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich Luft zu machen wagte. Sie schien das Dasein des Knaben völlig verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Mädchen zu widmen. Für diese war sie unermüdlich, Ärzte und Kräuterwelber zu Rat zu ziehen, Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womöglich jeden Anstoß aus dem Wege zu räumen. Der schwache und weichmütige Vater ließ alles geschehen. Es war ihm nicht wohl in seinem Hause. Aber die Stadt lag ja so nahe zu seinen Füßen, daß er die grünen Büsche vor den Schenktüren bis herauf winken sah. So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender über und über rot wird, und erzählte jedem, der es hören wollte, mit ahnenstolzer Gemütsruhe, daß drei aus seiner Familie in den letzten fünfzig Jahren am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei.
Seinem Weibe war er längst gleichgültig. Sie liebte niemand auf der Welt als das blonde Kind. Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatürlichen Schrullen den Leuten vollends ein Grauen erweckten. Das Haus lag einsam auf dem nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Straße, die sich um den Küchelberg hinauf nach Dorf Tirol windet. Niemand sprach sie im Vorübergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage besuchte, blieb der Platz neben ihr leer.
Es war unter solchen Umständen nicht zu verwundern, daß der Joseph Hirzer jede Annäherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt, wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen, und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen zu erzählen. Er selbst war in allen Stücken mächtig emporgekommen, galt für einen der wackersten Haushälter, eifrigsten Weinzüchter und rechtschaffensten Ehrenmänner, während seine Schwester in gleicher Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes Vermögen im Testament an Kirchen und Klöster vermacht hatte, wofür die Priester ihr verhießen, daß sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel kommen würde". Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden dürfen. Sein Sohn und die drei stattlichen Töchter waren auch ohne jede Erbschaft von der Tante hinlänglich versorgt durch die blühenden weiten Güter beider Eltern. Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte durch liebevolle Pflege dafür, daß ihres Bruders Kinder auch ohne jedes klingende Vermächtnis sie in gutem Andenken behalten mußten.
Die Kinder aber, obwohl sie den Vater fürchteten, konnten ihm doch nicht so blindlings gehorchen, daß sie auch in der Schule zu Meran dem Andree und seiner Schwester ausgewichen wären. Moidi, mit ihrem leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wußte, daß sie so heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekümmern dürfe. Im übrigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender Knabe, der am liebsten sein Wesen für sich hatte und früh eine ganz befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte. Es war ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die Kleine sich für niemand putzte als für ihn allein. Sie hatten unter einem überhangenden Felsstück, wo wilde Beeren in Fülle wuchsen und die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei errichtet, mit vielen wichtig behüteten und nur von den Eidechsen ausgespürten Verstecken für ihre kindischen Siebensachen. lm Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fuß ihres Schlupfwinkeis wucherte, saßen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte unermüdlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskörner auf lange Fäden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand. Waren die. Ketten fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck in künstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme. Dabei hatten sie allerlei konfuse, andächtige Vorstellungen, und die Geschmückte fühlte eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar etwas vom Heiligenschein um ihren törichten Kindskopf zu tragen. Der Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu gekommen wäre und seine Huldigung gestört hätte. Der Schwester selbst nahm er es jedesmal übel, wenn sie plötzlich zu lachen anfing und aus Übermut und Langeweile die gelben Kettchen zerriß, daß die Körner eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel umsehen mußten.
Die ersten Jahre ließ sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestört. Als aber der Andree größer wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Haß gegenüberstand, suchte sie ihn der Kleinen durch allerlei böse Reden und schwarze Verdächtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder zu trennen, mit gehässiger Schadenfreude. Sie lag ihrem Manne sogar an, den unnützen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem Zehnuhrmesscr zu tun, daß der ihm Unterricht gebe und einen Geistlichen aus ihm mache. Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand und großen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan beiden Männern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem geistlichen Herrn. Er war sehr still und traurig beim Abschiede von der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.—Der Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne keinen Zugang findet. Die schmalen Häuser mit winkligen engen Höfen und düsteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber gehalten, haben eine beträchtliche Tiefe, und an die Hintergebäude stoßen nach Norden zu weite Weingärten, bis an den Fuß des Küchelberges, nach Süden öffnen sie sich gegen die Stadtmauer. Hier sind hellere Räume, und man blickt aus den Fenstern auf die Wassermauer und über den Fluß hinweg ins breite Etschtal hinaus. Auch das bescheidene Quartier des Hilfspriesters genoß diesen Vorzug. Aber der Knabe, an die freie Luft oben auf der Höhe gewöhnt, schien sich dennoch ein Gefangener. Ja, er hätte wohl gern seine sonnige Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus er den Berg und die kleine Felshöhle oben über den letzten Reben, den Ort seiner Kinderspiele, hätte sehen können. Er verstummte noch mehr als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters. Das Lernen war ihm plötzlich verleidet; er aß wenig und schlief schlecht, so daß er in vier Wochen blaß und hohläugig wurde. Und eines Tags kam er zu seinem Lehrer und erklärte ihm, er werde sterben, wenn man ihn länger in der Stadt halte. Den Namen seiner Schwester hatte er nie genannt. Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, daß ihn ein brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestürzt übernahm er es, der Mutter die Notwendigkeit der Rückkehr vorzustellen. Die Alte wütete und schalt und wollte nichts davon hören. Am Abend desselben Tages aber klopfte der Knabe drohen in der Hütte wieder an, und nach einem leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabänderliche, unter der Bedingung, daß der entlaufene Student dem Vater Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter dem Hause aufschlagen mußte.
Die Kleine war sehr glücklich, ihn wieder zu haben, und er selbst schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zurücksetzung zu hart zu finden. Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater auftrug, arbeitete in den Weinbergen, ließ sich willig über Land schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden nie ein Wort gewechselt wurde. Da er kein Geld erhielt und an Kleidern nur das Notdürftigste, blieb er von den anderen Burschen seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein für allemal weg und schien nichts daran zu entbehren. Denn an den Feiertagen pflegte er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein kräftiger Jüngling wurde und sie längst den Burschen ein Ziel mancher zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein kindischer, ihr Gespräch ein törichtes Geplauder. Sie tat, was sie nur wußte und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder, da sie näschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen brüderlichen Anteil, und wenn er jenes verschmähte, nahm er doch ihre eigenen Gaben mit sichtbarer Freude. Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und saß im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde. Sie hatte ihren Spaß, wenn er im Dunkeln nicht begriff, daß sie bei ihm war, und ihre Hand, die ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme ihm etwa eine Feldmaus zu nahe. Wachte er dann auf, so hörte er ihr helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. länger zu erleiden. Sie tat es nicht anders, als daß er sie zur Kirche begleiten mußte, wo er dann von den Burschen, die sich ihr näherten und die sie zu verscheuchen gar keine Lust bezeigte, manchen eifersüchtigen Stich ins Herz empfing. Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und hätte sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge grüßte, gern genähert. Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt, ließ durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, daß er sich jede Annäherung des vaterlosen Burschen verbitte. Und so blieb es auch zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gruß, obwohl die Moidi öfters dem Bruder mit Lachen erzählte, daß die Rosina, des Hirzers jüngste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei.