Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen, hörte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende Gassenlaufen würde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben. Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so völlig taub zu sein, daß sie das Schimpflied weder hörte, noch sich zu Gemüte zog. Auch für die erbitterten Scheltreden ihrer Brüder war sie ganz unempfindlich, erwiderte kein Wort, änderte aber um kein Haar ihr Betragen, und selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren gekommen, vermochte so wenig über diesen seltsamen Zustand, wie beim Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt.

Da übernahm es endlich eine mitleidige unter den Mädchen, der Moidi den Kopf zurechtzusetzen. Sie hinterbrachte ihr—wahr oder zweckmäßig erfunden, wissen wir nicht—, daß der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's ihm drum zu tun wäre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, würde er die Moidi heiraten.—Die Predigt über diesen kurzen und bündigen Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein. Denn seit dem Tage war "die Schwarze" wie verwandelt, ließ sich nirgend sehen, stahl sich vor Tagesgrauen in die Frühmesse, wo sie im hintersten Winkel der Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete, wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede. Die Putzsucht war vollends verschwunden. Das Schlechteste und Gröbste trug sie am liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr um die Schläfen, daß sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand mit ihr zu tun haben mochte.

Im übrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die
Eltern wohl mit ihr zufrieden und ließen sie in allem gewähren. Der
Winter ging so hin. Als im Frühling die Wiesen zu grünen anfingen,
kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine
Alpe ziehen zu dürfen, die höchste und einsamste im Passeier. Der
Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen
Gemütszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen
Sommer lang die schwarze Moidi völlig verschollen.

Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den Bergen heimkamen und das Gerücht mit ihnen ging: des alten Ingram Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blühweißes und rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Härlein, ein wahrer Staatsbub. Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnügt, habe die Schläge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen, dem Vater aber auf das härteste Verhör nicht beichten wollen, wer der Schuldige sei. In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoßen, damit sie den Schimpf nicht vor Augen hätte, habe die Tochter sich darauf, so gut es ging, einen warmen Winkel für ihr Kind zurechtgemacht und sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen.

Wem dies alles, zumal die gerühmte Schönheit des Knaben, unglaublich schien, der hatte am nächsten Sonntag Gelegenheit, sich von der Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen. Denn am hellen Tage kam die Vielgeschmähte vom Küchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den Armen in ihre besten Linnen und Tücher gewickelt, und trug es mit herausforderndem Mutterstolz zur Taufe. Wenn einer sich ihr näherte und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich still, schlug den alten Flor zurück, der das schlafende Gesichtlein bedeckte, und sagte fast spöttisch: Gelt, möchst den schwarzen Pudel anschauen? Da, es ist nix Rares daran. Wo sollt's auch herkommen?—und dann lachte sie mit großer Selbstgefälligkeit in sich hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes überrascht, nichts zu sagen wußte, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wäre das gescheitest'!—und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, daß es schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben verbessert.

Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so großem Zulauf vonstatten gegangen. Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es sich, daß die Moidi diesen wichtigen Punkt gänzlich übersehen hatte. Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drängte sich keiner zu einem näheren Verhältnis mit der Mutter, und die Großeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg nach Lana zur Kirche gegangen. Da erhob sich endlich die zu allen Opfern der Nächstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der Moidi das Kind aus den Armen. Diese Lösung des bedenklichen Knotens erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem überfließenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Sünderin am füglichsten zu Hilfe kommen konnte. Und so wurde der Knabe, weil der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft und mit großem Gefolge von der glückstrahlenden Mutter wieder durch die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte.

Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin denkwürdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen ließ, nur für das Kind lebte und all ihre früheren Narrheiten in die eine Leidenschaft der zärtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien. Denn wie früher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien. Man konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen, Kränze windend für das Kind und aus alten bunten Seidentüchern seltsame Kleider für ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine Puppe aufschmückte und stolz jedem Vorübergehenden zeigte. Da dies Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, ließ man sie gewähren. Nur der Joseph Hirzer legte den größten Abscheu gegen sie an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde irgendwelchen Verkehr zu pflegen.

Die Moidi schien wenig danach zu fragen. Als ein Jahr darauf ihr einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab nicht das geringste Zeichen von Herzweh. Die ganze Vergangenheit bis zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedächnis wie weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und dem Kinde zu geben.

Da geschah es, daß erst ihre Eltern und dann die Brüder, einer nach dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche, die viele Opfer in diesen Tälern forderte. Nun war auf einen Schlag das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt. Denn wenn sie bei Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu fürchten hatte, so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der ansehnlichen Weingüter zu einer reichen Partie geworden; schade nur, daß die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten Liebschaft manchen Wählerischen abschrecken mußte.

Aber der praktische Trieb, der hier im Volke mächtig ist, kam ihr dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal nötig, bei dem Freier, der sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudrücken. Es war ein ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der berühmten Feste gleichen Namens am Ende des Küchelberges liegt wo die Wand der Muttspitze steil in die Höhe steigt. Sein Vater hatte ihm zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war, so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine gebracht.