Mit seinen heißen Händen drückte er die ihrigen, und ebenfalls niedergekniet, dicht ihr gegenüber, wartete er mit leidenschaftlicher Angst, daß das Leben in ihren Zügen wieder aufglimmen möchte. Aber noch blieb die Starrheit mächtig über ihr, keine Wimper zuckte, kaum fühlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft. Da setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum Vespergeläut und lösten den Bann, langsam, aber wohltätig. Sie seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann, als sie sich wieder öffneten und die erwachende Seele sich der Welt und ihrer selbst besann, quollen große Tränen hervor, und an seine Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die Erschütterung aus.

Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrückt und horchte auf den wogenden Ton des Geläuts, verworrene Gebete bei sich selbst hersagend. Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er nach dem Krug und reichte ihn ihr. Sie näherte ihm die Lippen, wie eine Kranke, die das Gefäß nicht selbst zu halten sich getraut, und trank einen langen Zug. Dann schloß sie die Augen, ohne sie zu trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die Hände unbeweglich gefaltet.

Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hörte, hob er sie auf und legte sie bequem auf den abhängigen Boden nieder, seine Jacke unter ihren Kopf schiebend, ohne daß sie erwacht wäre. Er selbst, nach einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den Kopf in die Hand gestützt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht, das nun ganz friedlich wie aus heiteren Träumen lächelte. Wenn ein Blatt sich bewegte und dann das Licht flüchtig auf ihrer Stirn spielte, seufzte sie wohl noch leise nach. Aber ihr war wohl, während es in ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlüssen gewaltsam gärte und jeder Blick in diese friedlichen Züge ihm neue Nahrung für seine Qualen eintrug.

Welch ein rätselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?—Wir müssen, um es aufzuhellen, um viele Jahre zurück, in eine Zeit, da die Mutter, die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel älter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schläft, freilich in allem übrigen ihr volles Widerspiel. Die Großeltern der blonden Moidi besaßen droben auf dem Küchelberg ein schlichtes Bauernhaus, das aber schön nach allen Seiten in die Täler hinuntersah, links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus über die Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener Bergen. Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvätern ererbt, und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die ausgedehnten Weingüter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernähren. Von denen war die jüngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein wahres Sorgenkind, während von den übrigen im Guten oder Schlimmen nichts Sonderliches zu berichten wäre. Diese jüngste jedoch, nicht allein, daß sie die Häßlichste war, und eher einer Alraune als einem Meraner Landkinde ähnlich, die meist sauber und wohlgebildet heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehörig, daß sie viel Schläge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der Vater, der ein mäßiger und am Hergebrachten hängender Mann war, sich mehr und mehr dieser jüngsten zu schämen begann. Mit der Zeit hörten die Schläge auf, da es deutlich war, daß sie das Übel nur mehrten, und es sich nicht obenein verkennen ließ, selbst für ein Bauernauge, es sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf. Der Pfarrer hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten wollen; und wirklich ließ sich ihrem Verstand, wenn man nicht sorgfältiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschönigen. Von diesen nun war die ärgste eine ganz unzweckmäßige und mitleidswürdige Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Häßlichkeit lenkte. Das trug ihr eine Menge der bösesten Spottnamen ein, und die es am besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die "wüste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brüder aber nur "die Schwarze"; denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten, buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein merkwürdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und sträubte sich beharrlich gegen Kamm und Flechtenbänder. Ob der König aus Mohrenland unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, daß die "wüste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen, auf die lächerlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch, behängte, ihre Person ansehnlicher und liebenswürdiger zu machen. Was sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bänder oder gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar durchflocht und so, zum großen Ärgernis der Alten und Gespött der jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriß und sie mit Hunger und Schlägen dafür büßen ließ.

Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen Jahre kam und sich das Gefühl für den Spott der jungen Burschen in ihr schärfte. Zum Unglück aber löste eine noch unheilvollere Torheit jene erste kindische ab, und sie ließ ihr, freilich mit besserer Entschuldigung, noch haltloser den Zügel schießen. Sie warf nämlich ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brüdern verkehrten, gerade auf den schönsten, der sie von früh an mit der unverhohlensten Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom guten alten Meraner Schlag, ein etwas träges Gemüt in einem starken, herrlich gebildeten Körper, ein eifriger Kirchgänger, kundiger Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur für den Hausbedarf spann, am wenigsten aber mit unnützen Liebschaften Zeit und Geld vertat, da es überhaupt in diesen romantischen Tälern im Punkte der Liebe und Ehe meist kaltblütiger und geschäftsmäßiger zugeht, als flüchtige Reisende sich träumen lassen. Damals, als die schwarze Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer, der eines der alten Herrenschlösser unterm lfinger, auf einer Höhe über der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den feudalen Trümmern in großem Stile zu errichten. Außer dem Sohne, Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten feinere Erziehung genoß und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als der Vater plötzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun heimkommen ließ, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war ein sanftes, blasses, schönäugiges Mädchen, älter als der Joseph, ihr Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelüsten trug, sich ein Stück Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Hütten der Kranken und Dürftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr zufrieden, da sie sein Haus, die Gemächer nämlich, die noch in wohnbarem Stande waren, geräuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es ihm zweckmäßig, daß seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte, und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebräunten Hände unter die geschlitzten Hosenträger gesteckt, hinaussah ins weite Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen Klostertürmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er gedachte gern daran, daß die früheren, adligen Burgherren dort ihre unversorgten Söhne und Töchter untergebracht hatten. Es wäre ihm nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht hätte. Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fürs erste noch im Hause völlig nötig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres Heiligenscheins, der auch auf ihn herüberstrahlte, vorlieb und war nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen, fleißig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins über die Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden führten.

An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige und häßliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefühl, daß es ihm wohl zukomme, das väterliche Gut durch einen schönen runden Zuwachs zu mehren. Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, daß es ihm gar nicht fehlen könne, wenn er überhaupt Ernst mache. Auch nahm er anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit einer würdevollen Geringschätzung hin. Auf die Länge aber, als das Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt, Kirchtag oder bei sonst einer öffentlichen Gelegenheit sehen lassen konnte, ohne mit seiner Eroberung gehänselt zu werden, stieg ihm der Ärger ernstlich zu Kopf, und er hielt es für passend, durch die verächtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse zu schaffen.

Manchem andern wäre dieselbe vielleicht mitleidswürdig erschienen; denn sie äußerte sich nur in der rührenden Hartnäckigkeit, mit der die Augen des Mädchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine Naturgewalt bezwungen an seinem regelmäßigen, rot und weißen Gesichte hingen und ihm überallhin folgten, unbekümmert um den Zorn, der statt jedes Zeichens von Gegenliebe seine Züge verfinsterte. Selbst in der Kirche, wenn er hinter ihr stand, wußte sie's einzurichten, daß sie wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, daß sie alles andere darüber vergaß. Wer die einfachen und kühlen Sitten des Volkes und die ehrbare Gleichgültigkeit, mit der die Geschlechter sich hier begegnen, bedenkt, wird das große Ärgernis begreifen, das ein solches Betragen erweckt. Auch waren die meisten ganz überzeugt, die Moidi sei nur halb bei ihren Sinnen, und man müsse sie gewähren lassen, da man sie doch nicht füglich vom Kirchgang zurückhalten könne, ohne den bösen Geistern noch größere Macht über sie einzuräumen. Die jungen Burschen aber dachten minder christlich und hießen sie einfach mannstoll, und da sich auch die Mädchen von ihr zurückzogen, war die schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam und ohne Gesellin den Küchelberg herab in die Messe ging, mit den durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Männern am Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend. Dann geschah es wohl, besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Köpfen den Ton angab, daß einer der Hartherzigsten die schöne Passeirer Altjungfernklage zu singen anfing:

Was muß ich armes Madl anheben,
Daß ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann?
Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben,
Vor mir lauft ein jeder darvon.
Jetzt ist mir nimmer wohl,
Weiß nit, was ich tun soll,
Daß ich halt nur grad' einen erlang'!

Und wenn der Refrain des Gelächters ein wenig verschollen war, die zweite Strophe:

Fünfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen,
Nüchtern, und han mir nicht z' essen getraut.
Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen,
Daß ich dies Jahr möcht' werden a Braut.
Jetzt—und ist alles nichts;
Die Fastnacht ist auch schon für—
Ach, ich arme verlassene Haut!