Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu begegnen. Es ist ja schon eine Woche her, daß ich nicht habe abkommen können. Du läßt dich ja nimmer sehen. Die Mutter war eingeschlafen, es war so heiß in der Küche, da hab' ich gedacht, ich will einen Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht. Und da, einen halben Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am Sonntag gestern, nach der Kirch'. Ich mag ihn nimmer, er ist soviel süß.
Der Hirzerfranz? Was hat der dir zu schenken? Wenn's sein Vater wüßte, es gäbe einen Teufelslärm. Hat er dich etwa auch zu lachen gemacht?
Der? Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden klappert. Auch war meine Mutter dabei, weißt wohl; wen die anschaut, dem vergeht der Spaß, wie den Mäusen, wenn sie die Katze spüren. Mich wundert's selbst, daß ich noch lustig sein kann. Aber ich wär' längst gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr allein droben in der Hütte.
Sie schwiegen eine Weile.—Magst du den Wecken nicht? sagte das
Mädchen. So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um.
Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die
reifsten. Ich hab' sie für dich abgebrochen. Da! sie sind gut in der
Hitze!
Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er. Komm, wir wollen sie zusammen essen, droben im Schatten.
Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm, allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb. Auf seinem alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte sich neben ihn auf den breiten Stein und nötigte ihn, die Feigen zu kosten. Mit der Zeit, da keine neue Störung kam, schien ihm wohl zu werden. Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer fernen Mühle an der Etsch und das Geräusch der Passer bis zu ihnen herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schützen, die im Schießstande drüben nach der Scheibe schossen. Die Zeit wurde ihnen nicht lang. Er nötigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald wieder in die alte lustige Laune brachte. Auch die Heimlichkeit des schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig, aber nicht mehr unmutig, sie gewähren ließ, verwandte kein Auge von ihr. Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm den Spieß in die Hand und ging mit großen Schritten die Laubengasse hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwänze unter dem Kinn zusammenhaltend, daß ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war. Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fürchten, mein' ich, und wenn die Mutter nicht wär', käm' ich alle Nacht zu dir und machte den Saltner, während du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen. Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt?
Der Jüngling lachte zum erstenmal. Als sie sah, daß sie das Eis seines Trübsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun schau, Andree, tausendmal hübscher bist du, wenn du auch einmal lachst wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz. Bist du nicht ein junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack stecken zu lassen? Mit der Mutter—ja, das ist freilich eine leide Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grämen, ich komm' zu dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bös Wort auf dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tür hinaustreiben will, das weiß sie wohl. Was hast also, daß du alleweil den Kopf hängst und mir selber so finstre Augen machst, als wär' ich nicht deine liebe Schwester, sondern eine Feindin? Und wenn gar ein andrer Bub mir ein Wörtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach. Sag, möchtest du eine Nonne aus mir machen, oder daß ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll?
Sie war ihm während dieser Worte zutraulich nahe gerückt und hatte den Arm leicht um seinen Nacken gelegt. Aber wie wenn ein Gespenst ihn angefaßt hätte, fuhr er auf und schüttelte ihre Liebkosung ab. Seine Brust arbeitete schwer. Laß mich, keuchte er heftig hervor, rühr mich nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und komm nie wieder!
Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Er mußte sie ansehen, wie sie, versteinert, im Grase kniete, die Hände im Schoß gefaltet, mit einem Blick, der ihm ins Herz schnitt. Die Augen schienen größer geworden, der halbgeöffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die feinen Nasenflügel bebten. Es war nicht das erste Mal, daß dieses Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte. Ja zuweilen mitten in ihrem Lachen, das überhaupt oft kindisch klang, ward sie von plötzlichem Schrecken überfallen und für eine Zeitlang wie von einem verstörenden Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lösen pflegte. Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen Auftritt verursacht zu haben. Vielmehr rief man ihn, um den bösen Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mühe zu gelingen. Als er sie aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld, war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelähmt.
Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte tief auf. Dann bückte er sich zu ihr herab, faßte ihre Hände, die eiskalt geworden waren, und sah ihr dicht in die Augen. Ich bin's, Maria, sagte er inständig; der Andree ist's; sieh mich an, höre mich, verzeih mir, ich bin ein Rasender, aber es ist vorbei; laß auch du es gut sein und verzeih mir's, du weißt nicht, wie mir ist, sonst hättest du Mitleiden.