Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen wohl schwerlich nahegegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war—seine Schwester—!—Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Tier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwegene Gesell mit dem Mädchen schön getan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte. Darum hatte er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, geächtet von seinem eigenen Gewissen.

Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach kein Wort auf alles, was der andere redete und rannte. Er bedeutete ihm mit stummen Gebärden, daß sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das hart am Tor von Meran über die Mauer blickt. Erst dort an der Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er dumpf: Zieh an der Glocke, Köbele, und wart, bis sie aufmachen. Kannst ihnen sagen, daß ich's getan hab'. Und behüt dich Gott; mich wirst nimmer wiedersehen.—Damit wandte er sich kurz ab und verschwand in der dunklen Straße.

Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam seine Glieder weiterschleppen, so schwer lähmten ihn seine Gedanken. Als er die finstern Bogengänge der "langen Lauben" betrat, wo er vor dem Regen geschützt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler. Hier saß über Tag das alte Mütterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet. Die Erde war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Nägelschuhen krachten. Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten! Und dort, wenige Häuser aufwärts, war der Laden des Zuckerbäckers, dem die Moidi ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte. Er sah noch deutlich das große Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft. Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen hätte; denn sie weinte, als sie es getan hatte. Noch jetzt, da er an diese kindischen Tränen zurückdachte, fühlte er eine triumphierende Freude, daß er so viel Gewalt über ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte, und in demselben Augenblicke erschrak er über diese seine Freude. Er sprang verstört wieder auf und tappte sich vorwärts in dem öden Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte. Die Haustür war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe so dunkel, daß jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu brechen. Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe. Die Fledermäuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der geistliche Herr sein Quartier hatte. Da stand er eine Weile an der Tür und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hörte. Darin entschloß er sich einzutreten.

Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoßenden Kammer, wo er selbst als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht. Und als ob er sich jetzt erst recht von Gott und Menschen verlassen fühlte, setzte er sich auf das unberührte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurück und brütete über finsteren Entschlüssen.

Die große Katze, die Haushälterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um ihn herum. Jetzt sprang sie ihm auf den Schoß und rieb ihren weichen Rücken gegen seine Brust. Da stürzten ihm die Tränen mit Gewalt aus den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten Lieblings. Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege wieder hinunter. Denn draußen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte.

Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte gehen wollen, nach dem Schloß hinauf, wo der Hirzer wohnte. Der Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben in geistlichen Gesprächen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe verspätet haben und über Nacht geblieben sein. Wenigstens würden sie dort wissen, wohin er sich gewendet habe. So durchschritt der Flüchtling mit freierem Fuße die Laubengasse und das Passeirer Tor und betrat den steinernen Steg über die wilde Passer. Der Regen rieselte jetzt weicher herab, das Gewölk wurde luftiger, und der Wind kam lebhaft aus Nordost und klärte schon ein Stück des Himmels, daß schwache Mondstrahlen in die schäumenden Wellen der Felsschlucht fielen. Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und er hätte in das Fenster spähen können, hinter dem seine Schwester schlief. Und hier über die steinerne Brustwehr hinab—ein letztes Gebet und ein rascher Sprung—und er wäre aller irdischen Qual entrückt gewesen. Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr graute, schritt er nun hastiger über die hallenden Steinplatten der Brücke und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, als er drüben die Abhänge von Obermais betrat.

Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fußpfade hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede auf weitere Fragen. Immer ungeduldiger sah er zu der Höhe auf, von der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unförmlicher Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch die Weingärten die Bäche zu Tale flossen. Dieses Weges war Andree nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach verlangend, seine sanfte, blasse, schönäugige Pate zu sehen, die Tante Anna. Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen. Knirschend war er gegangen, und nichts hätte ihn vermocht, die Schwelle wieder zu betreten. Aber die Not, in der er war, ließ ihn all den alten Hader vergessen.

Erst wie er droben war, nach mühseligen Irrwegen über die Felsen, fiel es ihm aufs Herz, daß er in dem Gewinkel des alten Baues nicht Bescheid wußte, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem Bogentor, das in den untern Hof einführt. Er sah wohl die schmale Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemächer zu gelangen. Wenn er die feindseligen Männer umsonst weckte und den geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mußte er dastehen, und was sollte er ihnen sagen, den nächtlichen Besuch zu entschuldigen? Sein Kopf war so wüst und leer, daß er Mühe hatte, sich alles zurechtzulegen. Und fast wäre er wieder umgekehrt, wenn nicht das Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen hätte.

Denn kaum hatte der alte Wächter, der mit den Jahren zu träge geworden war, sich von der Stelle zu rühren, aber in seinem leisen Schlaf jeden fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor sich hin gebellt, so öffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine Tür, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe. Andree hörte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Träume verwies und den Lärm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse. Rosine! rief er hinauf. Das Mädchen erschrak und trat in die Tür zurück. Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spähend an das Stiegengeländer vor. Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme. Bist du's, Andree?

Ich bin's, gab der Jüngling zur Antwort. Ist der Zehnuhrmesser droben im Haus?