Sie schien die Frage überhört zu haben. Im Nu war sie in das Haus zurückgesprungen und ließ ihn in zorniger Ungeduld drunten harren. Rosine! rief er überlaut, daß die Trümmerwölbungen widerhallten. Da trat sie schon wieder heraus, ein Tuch übergeworfen, und huschte an dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab. Andree! Ist's möglich? flüsterte sie, hastig auf ihn zueilend. Was suchst du hier zu dieser Zeit? Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such' ich, unterbrach er sie. Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden kann.
Er ist droben, antwortete sie rasch. Komm hinauf. Ich bring' dich zu ihm, der Vater schläft fest, niemand soll's wissen als die Tante.
Auch die nicht, herrschte der Bursch. Ich habe keine Zeit übrig. Gut, daß du bei der Hand warst. Ich war drauf und dran umzukehren.
Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber ließ sie unangefochten eintreten.
Ich hab' von dir geträumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mädchen, während sie in der Küche, dicht neben dem Hausgang, ein Lämpchen anzündete. Es war schrecklich. Du lagst tot auf der Wassermauer; sie hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Laßt ihn doch, es hilft ja alles nichts! Und dabei wurde ich selber eiskalt übern ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mußte immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot—und da bellte der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei gelobt!
Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zähnen, aber er wollte sie nicht noch mehr ängstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe noch, Rosine, aber ich muß fort von hier, du wirst bald genug hören, warum. Und diese Nacht noch muß ich gehn, sobald ich den hochwürdigen Herrn gesprochen habe.
Das Mädchen ließ die Lampe aus der Hand gleiten, daß das Öl auf den Herd floß. Ihr feines blasses Gesicht rötete sich heftig, und die schönen braunen Augen blickten verstört auf, als hätten sie ein Gespenst gesehn. Fort willst du? sagte sie. Ist es möglich, Andree? Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du wiederkommen? Was ist denn geschehen? Hat die Mutter wieder-Schweig von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort. Frag nicht weiter, es kommt alles an den Tag. Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schläft. Ich habe keine Minute übrig.
Sie nahm das Lämpchen mit demütigem Stillschweigen vom Herd und ging ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weißgetünchten Wänden ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tüncher geschont hatte, aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen. Eine enge Steintreppe lief hinauf zu den oberen Räumen; alles war durchduftet von dem Geruch schöner reifer Äpfel, die droben im Winkel aufgeschichtet lagen. Eine alte Wanduhr tickte mit hartem Pendelschlag, und die Mäuse liefen, durch die nahenden Schritte aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflöcher zurück.
Hier! sagte das Mädchen, auf eine große altertümliche Tür zeigend. Sie gab dem Jüngling die Lampe in die Hand und blieb draußen im Hausgang stehn, bis er eingetreten war. Einen Augenblick fühlte sie sich versucht, das Ohr ans Schlüsselloch zu legen. Darin schüttelte sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die öde Küche, zu warten, bis er wiederkäme.
Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit dunklem Holz ausgetäfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschließen, den friedlich Schlafenden zu wecken. Zum erstenmal fühlte er es dunkel, daß sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stürme zu beschwichtigen, wie sie in seinem Gemüte tobten. Eine dunkle Angst, mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flüchten, hatte ihn hierher getrieben. Aber der Frieden, der auf diesem ruhig atmenden, leicht geröteten Gesichte lag, war nicht für ihn. Wozu sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte.