Er zog schon den Fuß zurück, um die Halle sacht, wie er gekommen war, wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lämpchens beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser. Schau nur fleißig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwürdiger Herr, sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' störe. Aber ich möcht' doch nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen.
Erschrocken fuhr der Träumende in die Höhe und starrte mit weit aufgerissenen Augen den nächtlichen Besucher an. Himmlische Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen? Andree—bist du's wirklich, hier oben auf Schloß Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig?
's ist mir auch danach zu Mut, Hochwürden, erwiderte der Jüngling. Ich muß mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen und keine Ruhe mehr auf Erden.
Andree! rief der entsetzte Hörer. Du hast—Das Wort erstarb ihm auf der Zunge; mit entgeistertem Gesicht saß er im Bette da und faltete mechanisch die Hände über der rotgewürfelten Decke. Der Jüngling erzählte mit scharfer Kürze, wie sich alles zugetragen. Von der Schwester sagte er kein Wort.
Er schloß damit, daß er nun zunächst in einem Kloster Zuflucht suchen wolle und den hochwürdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben, daß man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte. Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu sagen würde.
Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin. Das geht nicht an, mein Sohn, sagte er endlich mit bekümmerter Miene. Die Gerichte werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen erhalten hast, wirst du wieder zurückgebracht werden. Und was können sie dir auch so Schlimmes antun? Du warst nicht der Angreifer und hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schändlichen Räubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron. Also mein' ich, du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das Gericht dazu sagt. Denk, wenn du landflüchtig würdest, was sollt' deine Schwester anfangen, die keine Stütze hat als dich, wenn die Mutter die Augen schließt.
Die Glut schoß dem Jüngling ins Gesicht, und er wandte sich ab. Es ist einmal nicht zu ändern, sagte er dumpf. Hier bleiben, Rede stehen, bestraft und bedauert werden? Lieber gleich in die Hölle fahren, —Gott verzeih' mir die Sünde! Wenn Sie mir nicht beistehen wollen, Hochwürden, so sag' ich behüt' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist was—fuhr er zögernder fort—, was ich Ihnen nicht sagen kann, das stößt mich fort von hier, daß mir ist, als müßt' ich grad' ersticken, wenn ich zwischen diesen Bergen noch länger Odem holen sollt'. Und wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tät'. Aber irgendwo muß ich hin, wo ich für alle und jedermann wie tot und begraben bin und auch ganz vergesse, daß noch Menschen auf der Welt sind. Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich hier vor Ihnen stehe.
Der Priester zog die dünnen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck von Wichtigkeit in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her. Was sind das für secreta mysteria? sagte er mißbilligend. Auch deinem Beichtvater willst du's nicht sagen?
Dem wohl, erwiderte der Jüngling ausweichend und immer tiefer errötend.
Aber erst wenn ich im Kloster bin. Und darum bitt' ich inständig,
Hochwürden, daß Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne
Empfehlung gehen lassen.
Mag's drum sein, armer Sohn, sagte der kleine Priester mitleidig. Du hast früher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und ich meine, vom Latein wird dir noch einiges hängengeblieben sein. Ich will dich an den Pater Benediktus empfehlen—und er nannte ihm den Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen seiner rauhen Luft wenig besucht ward—dem sage einen Gruß von mir, und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage auseinandersetzt. Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Nöte auszuschütten, so weißt du, daß du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige Fürsorge und Teilnahme bei mir finden wirst. Gott sei mit dir, mein Sohn!