Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Jüngling statt aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte. Dann ging er mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tür sacht hinter sich zu.
Aber so leise er den gewölbten Gang hinunterschritt—denn er scheute sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu begegnen—, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt, eine schmale, blasse Hand öffnete die Tür einer Kammer, die neben der Küche lag, und ein zartes, frühgealtertes Gesicht spähte dem Lichtschein entgegen, der über die enge Steintreppe herunterfiel. Die Tante Anna war aufgewacht, da sie das Mädchen am Herde hantieren hörte, und hatte sie zu sich hereingerufen. Er will niemand sehen als den hochwürdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.—Mich wird er schon sehen müssen, war die leise, aber nachdrückliche Antwort gewesen. Und dann hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und, ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet, bis der späte Gast die Stufen herabkäme. Sie hatten kein Licht in dem engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die kleinen Scheiben hereindrang. Das Kruzifix über dem Bett, der Betschemel in der Ecke, das saubere Gerät, das an den Wänden herumstand, alles hatte eine wehmütige Heimlichkeit, wie sie eine alte Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen Lebenshoffnungen abgeschlossen hat. Diese Kammer hatte manche Träne fallen sehen und manches heiße Gebet flüstern hören. Und die Rosine sah auch jetzt, daß sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und wagte nicht, ihre andächtigen Gedanken zu stören.
Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die
Tür. Andree! rief sie leise in den Flur hinaus.
Der Jüngling blieb unschlüssig an der Treppe stehen. Es trieb ihn, ohne Aufenthalt seine nächtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte er nicht mit einem flüchtigen Gruß vorübereilen, zumal da er diese stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte. Ihr seid wach, Pate, sagte er endlich. Ich bat die Rosine doch-Ich bin voll selbst aufgewacht, antwortete sie. Aber komm herein, Andree—und sie zog ihn in die Kammer? Und jetzt sage mir, was du vorhast, und was geschehen ist, daß du zu dieser Stunde hier heraufkommst. Bist du nicht auch Saltner unten am Küchelberg, und wie kommt's, daß du deinen Posten verlassen hast?
Sie hatte seine Hand gefaßt und diese Worte hastig an ihn hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen. Er sah trübsinnig zu Boden und überlegte, wie viel er ihr vertrauen sollte. Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt, aber viel an sie gedacht und sehnlich gewünscht, sie einmal allein zu treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr hänge, und wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen. Und jetzt fühlte er, wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen könnte, so wäre es niemand als sie. Aber die Rosine stand am Fenster, und die Zeit drängte, und überdies—was sollte es helfen? Auch diese Heilige hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben.
Pate, sagte er, der hochwürdige Herr wird Euch morgen alles erzählen, um was ich ans der Gegend fort muß. Ich war ein elender Mensch von Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glück und Stern. Es ist das beste, daß ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch geworden bin. Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir lieb, daß ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit eine große Liebe und Verehrung zu Euch gefühlt, und der Himmel weiß, es stünde wohl besser um mich, wenn ich Euch öfter hätte sehen und sprechen dürfen. Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, daß Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe gehoben habt, und bitte, daß Ihr für mich beten wollt auch in Zukunft, damit sich der Herrgott meiner erbarme. Denn wahrlich, ich habe es nötig.
Damit drückte er ihre Hände und wollte mit einem Behüt' Euch Gott! aus der Kammer. Aber die Alte hielt ihn zurück und sagte: Ins Kloster? Und ich soll dich nimmer wiedersehen? Ich muß alles wissen, Andree. Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz blaß und kalt wie der Tod. Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen?
Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er ängstlich, denn er fühlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, würde sie ihm das innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte über ihn die sanfte Stimme und das große schmerzliche Auge. Seid mir nicht böse, fuhr er fort, aber Ihr könnt nichts ändern, und wenn ich denken müßte, daß ich auch Euch das Herz schwer gemacht hätte mit meiner Trübsal, würde ich noch elender sein. Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt, legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein Abschied ist für die Ewigkeit.
Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten hatte. Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Tränen in das blasse Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurück, zog ihn fest in ihre Arme und küßte ihn lange und heiß auf Mund und Augen, daß auch er wie ein Kind in Schluchzen ausbrach. Sie standen eine geraumie Weile in dieser inbrünstigen Trauer, und über der Wohltat, sich so zu halten und zu haben, vergaß die Alte ganz, was kommen sollte, und der Jüngling, was hinter ihm lag.
Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir gewesen. Vergeßt auch Ihr mich nicht, und so sei's genug. Die Hähne krähen bald. Ich darf nicht weilen.