Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig. Drei Tage lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum Schluß die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es "sehr notwendig nach ihm habe". Sie zeigte den Brief der Rosine, mit der sie jetzt öfter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Mädchen, das ihm ganz gleichgültig war. Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn wieder hin. Er war ihr lange nicht herzlich genug. Wenn er darauf nicht kommt, sagte die Moidi, so muß er einen Schatz haben, droben in den Vintschgerbergen.—Wo denkst du hin? erwiderte die andere. Der Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.—Moidi wurde blaß. Wenn's wirklich wäre, ich grämte mich halbtot, sagte sie. Dann wäre niemand dran schuld als—die Mutter, wollte sie sagen; aber sie schwieg. Denn sie hörte die Alte im Nebenzimmer husten und stöhnen, da sie von einem jähen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag. Es waren böse Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde, wunderliche Reden aus ihr heraus, über denen ihr Kind glücklicherweise einzuschlafen pflegte. Der Zehnuhrmesser sprach fleißig vor, auch die Tante Anna stieg, da es sich auf das Frühjahr verschlimmerte, einige Male den Küchelberg hinauf. Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der wieder von Innsbruck zurückgekehrt war, bis an die Tür des kleinen Hauses mit, und während sich die Alten drinnen besprachen, führte er in der üblichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlässigen Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war. Moidi, sagte die Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, daß du mit dem Franz im reinen bist? Er sagt's, und ich würde es ja gewiß wünschen, aber ich weiß nicht, ich kann es nicht glauben.—Warum nicht? sagte die Moidi trutzig und strich sich mit gleichgültiger Miene die Haare hinters Ohr. Einen muß ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein anderer. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weißt, Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter. Mir eilt's auch gar nicht, 's ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und wenn der Franz kommt und mir was Neues erzählt, oder auch nur da auf die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu lachen.

Die andere hörte das still mit an. Sie begriff nicht, wie einem die
Liebe so lustig vorkommen könne.

Darüber ward es Frühling, die Wiesen waren längst wieder grün, die Kastanienbäume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, daß man den Lärm bis oben in dem kleinen Hause auf dem Küchelberge donnern hörte und die letzten Nächte der schwarzen Moidi auch für ihre arme Tochter schlaflos vergingen. Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, daß es mit der Mutter trübselig stehe. Sie wußte, er werde doch nicht kommen, und auch die Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fieberträumen oft genug nannte. Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie in einer stürmischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied.

Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen. Sie drückte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den englischen Gruß und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die gewitternde Frühlingsnacht. Da stand sie droben und sah in das weite Etschtal hinaus, wo über den hochgehenden Strömen das wetterleuchtende Nachtgewölk hinjagte, und fühlte sich so armselig und allein, daß sie in bitterliches Weinen ausbrach. Ein heftiger Zorn auf Andree überkam sie. Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn, unter allen Schrecken und Nöten ihres jungen Lebens allein lassen! —Der Regen rauschte stärker herab, und der Wind strich kalt um die freien Berglehnen. Zitternd tappte das verwaiste Mädchen an den Wänden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager gehabt hatte. Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle, und wie sie daran dachte, mußte sie heftiger weinen und schlief endlich schluchzend, hungrig und in abergläubischem Grauen vor der Nähe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein.

Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was sie quälte, und als sie spät am andern Morgen aufwachte, mußte sie sich erst besinnen, daß die Mutter wirklich gestorben war. Auch konnte sie, so gern sie es gewollt hätte, keine rechte Trauer erschwingen, nur ein unheimliches Gefühl hielt sie lange zurück, die Tür zu öffnen und das Haus wieder zu betreten. Sie fand aber drinnen den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, daß ihr alle weitere Sorge abgenommen wurde. Am Tage nach dem Begräbnis sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte hell auf über ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf dem Boden herumtummelten. Vierzehn Tage später saß sie im leichten Wägelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie fuhren die Vintschgauerstraße hinauf, und wer ihnen begegnete, stand still, um dem schönen blonden Mädchen nachzusehen, das in Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in der grünen Frühlingslandschaft herumschweifen ließ.

Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur spärlicher Baumwuchs, und die Schlucht dahinter schon am frühen Nachmittag schwarz und schauerlich wie ein Tor der Hölle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah. Ein armes Dorf lag unten am Fuß des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingärten und Feigenbäumen so lustig umwachsen wie die Dörfer um Meran. Auch das fiel der Moidi aufs Herz. Sie war nie eine Tagereise weit von Hause entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher vorgestellt. Ganz blöde und traurig stieg sie vom Wagen herab, als sie vor der Tür der unsäuberlichen Dorfschenke hielten. Sie mochte nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen. Franz blieb bei den Pferden zurück. Er war dem Andree schon früher lieber aus dem Wege gegangen, als daß er ihn gesucht hätte.

So gingen die Mädchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt, sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein Wort zu wechseln. Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe gekommen waren, daß sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache wuchs, stand die Moidi plötzlich still, blickte wie ein furchtsames Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Möchtest du da hausen, Rosel?—Ihre Freundin schüttelte nur den Kopf.—Das Herz würde mir's abdrücken, fuhr die andere fort; nichts Grünes herum, keine Weinrebe, kein Kornfeld. Du wirst sehen, es ist nicht wahr, daß er den Winter über hier gewesen ist. Wir finden ihn gar nicht. Wer weiß, wo er steckt in der weiten Welt!

Auch darauf erwiderte die Rosine nichts. Sie wußte nur zu gut, daß sie ihn finden würden, und fürchtete sich davor, ohne recht zu wissen, warum. Als sie oben am Klostertor die Glocke läuteten und den Bruder Pförtner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die hübschen Kinder forschend an. Er soll herauskommen, warf die Moidi rasch hin. Es sei ein Bote da von Meran. Aber sagt ihm nicht, wer.

Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten. Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur überstanden hat! sagte die Schwester. Sie strich sich mit den Händen über die Stirn, die ihr glühte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um ihre Unruhe zu verbergen. Die Rosine saß still an die Mauer gelehnt, beide Hände im Schoß, die Augen zugedrückt, als blende sie das Abendrot drüben an den Berggipfeln.

Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, grüß dich Gott, ich bin's! stürzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals. In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurück. Er war es und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre gealtert zu haben. Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, daß sie in den Boden versinken möchte wie ein Spukbild, oder er selber aus einem Traume erwachen. Sie hatte sich's wohl spaßhaft gedacht, ihn zu necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte sähe. Jetzt war ihr das Weinen näher als das Lachen.