Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an. Hab' ich's ungeschickt gemacht, daß ich selber gekommen bin? Da ist auch die Rosel; sagst du ihr nicht einmal "grüß Gott"? Der Franz hat uns gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wüst und traurig hier herum, wie hast du's nur ausgehalten? Freilich, man sieht dir's auch an, ganz hager und blaß bist du worden, als hättst du schon einmal unterm Rasen gelegen. Aber es wird schon wieder werden, die Luft ist hier so herb, du mußt nun wieder nach Meran kommen, der Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Häusel droben, denn du weißt noch nicht, Andree, die Mutter ist tot.
Während sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder gelöst und ihre Züge erheitert, daß es wunderlich war, wie sie das letzte, die Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte. Er schien sich ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich danke dir, Moidi, daß du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine. Aber daß die Mutter tot ist, ändert die Sache nicht, und heimkommen und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher daß ich noch weiter wegkomme, in ein Kloster drüben in Italien, oder gar nach Frankreich hinein. Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt mir nicht.
Er sah düster und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden.
Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich nicht ganz traurig machen willst und böse dazu. Ich hab' gar keine Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist, und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Ländern, als wenn ich dich gar nichts anging'. Wenn ich so Reden von dir hör', könnt' ich fast denken, die Mutter hätt' recht gehabt, als sie im Fieber immer vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie hätt' dich ja nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu machen, da sie selber so wüst war. Ja denk, davon konnte sie halbe Stunden lang reden, und wenn ich sehen muß, wie wenig du auf mich hältst, fang' ich wahrhaftig an zu fürchten, du wärst gar mein Bruder nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst.
Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge, ist das wahr? Kannst du's beschwören, daß das wahrhaftig der Mutter Reden gewesen sind?
Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er sie ihr hastig entzog. Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die vor dem Bänkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich unterreden zu lassen. Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke an, der sie zittern machte. Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurück.—Damit winkte er der Schwester, daß sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tür in einen Krautgarten, wo nur drüben unter den Apfelbäumen ein dienender Bruder grub und pflanzte. Sein Wesen war plötzlich verwandelt, sein Gesicht glühte über und über, er schien wieder um zehn Jahre verjüngt und schritt rüstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht hatte.
Jetzt, da sie allein in dein Gärtchen standen, wandte er sich zu ihr um. Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal, was du von der Mutter gehört hast, alles, und so lieb dir deine Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hängen daran.
Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drückte sie fieberhaft. Ich weiß nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen. Was ist es denn, wenn sie es auch gesagt hat? Und gesagt hat sie's freilich, Wort für Wort und mehr als einmal. Aber du weißt ja, daß sie einen Haß auf dich hatte. Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen Teil an der Erbschaft bekämst, weil sie mir alles allein gönnte. Vielleicht war's auch nur so ein Geschwätz, weil sie Reue hatte über das Böse, das sie dir ihr Lebtag angetan. Sie hat sich selber einreden wollen, du wärst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich nicht wie ihr eigenes gehalten hat. Was liegt aber daran?
Besinne dich, drängte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind übergeben hat? Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat? War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte?
Wer dich zu ihr gebracht hat? Nein, davon hat sie nie geredet, erwiderte das Mädchen und suchte sich ernsthaft auf alles zurückzubesinnen. Aber wart, es fällt mir ein, daß der Zehnuhrmesser einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte sie gehen, daß es überall ausgerufen würde, du seiest nicht ihr Sohn. Ich kam aus der Küche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwürdige Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurückhielt, und als er mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen können; darauf ist sie still geworden. Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der Einbildung, was kann es dich kümmern, Andree? Und wenn's wirklich so wäre, mußt du mich darum nimmer liebhaben? Sind wir nicht doch wie Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken können, und nun wär's auf einmal aus mit uns beiden? Schau, Andree, ich könnt' mich nit so ändern. Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen ließe, wie's die Mutter gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Häusel wär' dein und der Weinberg und alles. Zudem, ich werde doch nicht da wohnen bleiben. Denn du mußt nur wissen, ich hab' mich mit dem Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und ich wohne dann droben auf Goyen. Du bist doch nicht bös darüber, daß ich dich nicht erst gefragt hab'.