Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wußte selbst nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere Sünde, daß sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie hätt' es gern ungeschehen gemacht; denn sie wußte ja, daß er mit ihrem Bruder nicht gut Freund war. Sie stand zitternd und demütig wie ein Kind, das gescholten zu werden erwartet. Doch als er immer noch schwieg, wurde es ihr nur banger und trauriger ums Herz. Sie hätte lieber gescholten sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut machen. Aber die tödliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich, und endlich traten ihr die großen Tropfen in die Augen und rollten über das junge Gesicht. Da brach er das Schweigen.
Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast?
Sie sah schüchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte sie, verzeih mir's nur. Ich weiß selber nicht, wie es gekommen ist. Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus. Und die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wär' ein braver Bursch, und wenn ich ihn nähm', wär's für alle das beste, zumal da er so unsinnig vernarrt tut, und du warst ja nicht da, daß ich dich hätte fragen können.
Und wenn ich nein gesagt hätte, würdst du dich daruin gegrämt haben? fragte er hastig.
Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rührender Heiterkeit und Liebe an. Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet. Nun ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gäb' eine neue Todfeindschaft, wenn ich jetzt käm' und sagte: Ich mag ihn nicht. Sei nur wieder gut und komm selber herüber, die Tante Anna läßt dich so vielmals schön grüßen und es verlangte sie sehr, daß du kämst, sie hätt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wär' sie doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszögst, in der du gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen bist. Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken muß, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustößt, Krankheit oder so, bin ich nicht da, für dich zu sorgen. Versprich mir's, Andree, daß du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles mit der Tante bereden.
Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er duldete es mit eingedrückten Augen, während ein leises Zittern seines Mundes den inneren Kampf verriet. Kein Wort mehr jetzt! brach er endlich schweratmend heraus. Ich komme morgen früh ins Wirtshaus hinunter, dich noch einmal zu sehn. Dann sag' ich dir, was werden soll. Tu deine Hände weg von meinem Gesicht. Sei guten Muts, Moidi. Es wird alles werden, wie Gott will. Hab gute Nacht!
Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch den kleinen Garten den Klostergebäuden zu und verschwand in der Tür, ohne nur nach ihr umzublicken. Sie aber sah ihm nach in schweren Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie nicht erraten könne, wie er es meine, und was er vorhabe. Kopfschüttelnd und in großer Betrübnis verließ sie endlich den Garten und suchte die Rosel wieder auf, die in ängstlichem Kummer draußen gewartet hatte. Daß die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz.
Ich weiß nicht, was er hat, sagte die Blonde. Ich hab's wohl gewußt, ihm ist's nicht halb recht, daß ich den Franz nehme. Aber was soll ich machen? Morgen in der Früh will er hinunterkommen und mir Bescheid sagen. Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will er nichts wissen. Wenn ich nur wüßt', warum ich mir's so annehmen muß? Ich könnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne ihn zu fragen. Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken kann, und er war immer gut zu mir. Ach, warum hat alles so kommen müssen!
In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab, und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig.
Der Franz war nie ein großer Redner gewesen, und was mit dem Andree geschehen würde, kümmerte ihn nicht im geringsten. Er rauchte und trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als die Mädchen schon lange in ihren Betten lagen.