Freilich schlief nur die eine, die Moidi. Rosine tat die ganze Nacht kein Auge zu.

Als der Tag noch lange nicht graute, hörte sie einen Schritt draußen über den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer nähern. Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt. Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger Ahnung. Die Moidi schlief ruhig fort.

Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte leise an die Scheiben. Moidi! rief die wohlbekannte Stimme.

Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mädchen verstohlen; die Moidi schläft noch. Soll ich sie wecken?

Tu's, Rosel. Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt.

Eine Viertelstunde verging, dann öffnete sich leise die hintere Tür
der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen
Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet. Guten
Tag, sagte sie. Du kommst aber früh. Wenn du nur Gutes bringst,
Andree, wird's mich schon munter machen.

Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort. Es ist frisch, und du bist die Luft hier nicht gewohnt. Wir wollen ein paar Schritte weit gehen.

Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung wieder zu ihm hinaus. Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die nächtliche Öde über den Bergen, der Bruder ihr gegenüber in der Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte Lachlust. Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels über den Kopf. Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu. Er faßte ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof.

Die Pferde im Stalle rührten sich, das Federvieh sträubte die Flügel, ein junger Hahn krähte voreilig den Morgen an. Die Menschen aber in den niedrigen Hütten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele, die in Schmerzen durch das trübe Fenster in den Hof starrte und sich mit schweren Seufzern, glühend und fröstelnd wieder zu Bett legte, um den Tag heranzuwachen.

Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht zurück. Der Hirzerfranz saß mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Straße hinaus, ob von seiner Braut noch immer nichts zu erspähen sei, und schirrte endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flüchen gegen den Andree. Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz; es mochte nun geschehen, was da wollte, für sie war es mit aller Freude und Hoffnung vorbei.