Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrüder einen Brief, den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand, daß er einen Bußgang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, für die Seele seiner Mutter zu beten. Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten, sie sollten daher ihre Zurückkunft nicht abwarten, sondern nach Haus fahren. Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen.
Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten, und wollte im ersten Jähzorn auf und davon und dem Andree nachsetzen. Da aber die Kirche, zu der sich der Büßer verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner nichts anderes wußte, als daß der Prior dem Bruder Andreas Urlaub gegeben habe, mußte der Grimm und Haß des Burschen sich auf eine spätere Gelegenheit vertrösten und einstweilen an den Rückzug denken.
Es war eine harte Reise für die arme Rosine, neben dem zornmütigen Bruder, der immer von neuem gegen den heimtückischen Verführer loswütete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei, dem Andree die Tür zu verschließen, wie es auch sein Vater all die Jahre her gehalten habe. Er habe gleich Einspruch getan gegen die dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein rechter Schwager werden würde. Aber die Weiber hätten sich's in den Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze. Ein Narr sei er gewesen, daß er nachgegeben habe. Aber die Moidi würde es noch zu hören bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht. Vor allem aber sei sie, die Rosine, daran schuld; sie hätte schon am Morgen nicht leiden dürfen, daß er mit der Moidi abzog—und dann eine Flut von brüderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen. Denn ein viel härterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert.
Der Sommer kam, die Reben am Küchelberg hatten längst abgeblüht, und die Weinbeeren schwollen und röteten sich, die erste Feigenernte war vorüber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus. Als auch die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage kam, gab es wenige, die noch geglaubt hätten, sie würden überhaupt jemals wieder auftauchen. Da niemand so recht sich vorstellen konnte, was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede. Anfangs freilich hatte man viel darüber hin und her gerätselt. Denn das befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler ein bußwanderungslustiges Völkchen sind, sondern daß eine Stunde über das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen war. Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie langsam und in eifrigem Gespräch einen Saumpfad die Höhen hinangingen. Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem ernsthaften Gesicht und das schöne blonde Mädchen im Bauernmantel an seiner Seite. Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers Andringen in den nächsten Gebirgsdörfern nachgeforscht wurde, wohin die zwei ihre Schritte gelenkt hätten, entsann sich kein Schankwirt und kein Bauer, daß ein solches Paar an seine Tür geklopft habe. Die Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem Erfolg. Die Geschwister blieben verschwunden, als hätte sich der Berg gespalten, um sie für immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der Menschen zu entziehen.
Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf Schloß Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der verschiedensten Leidenschaften. Nur der alte Hirzer trank ruhig seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, daß er nun hoffentlich von der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hören werde. Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstünde, wieder über seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen—und ein Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nähe des Zehnuhrmessers sich nicht gern versündigte. Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu freien, deren Güter ihm gerade bequem lagen. Franz nahm die Sache nicht so kaltblütig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie war der einzige Gedanke, der seine träge Natur jemals in Flammen gebracht hatte. Also ließ er den Befehl des Vaters einstweilen auf sich beruhen und lüftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so daß die Seinigen viel Not mit ihm hatten. Die Tante Anna verschwand auf mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand ihr fest, daß die beiden verunglückt seien, wo sie nicht gar Hand an sich selbst gelegt hätten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte niemand sehen als den hochwürdigen Herrn und die Rosine. Mit dieser stillen Dulderin saß sie schlaflose Nächte hindurch am Herde, einen Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im Gespräch die Stunden hinbringend. Das Mädchen allein blieb steif und fest dabei, daß die beiden noch am Leben seien, und suchte es der Tante immer wieder glaubhaft zu machen. Daß sie freilich je wiederkommen würden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen Augenblick mehr geglaubt.
Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft der kleine geistliche Herr. Ja, es schien förmlich, als wäre ihm durch diese Selbstverbannung seines Zöglings eine Last vom Herzen genommen. Er sprach noch immer fleißig vor auf Goyen, hörte jeden nach seiner verschiedenen Gemütsart mit Wohlwollen an, sprach überall zum Guten und wußte das Gespräch bald auf die heurige Lese und die Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergründet hatte und selbst den theologischen Erörterungen mit der Tante Anna entschieden vorzog.
Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem Küchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengärten, unten in der Stadt Meran wogte das geschäftige Treiben eines der jährlichen Schlacht- und Viehmärkte durch die engen Gassen, das Samstagsgeläut war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in der Dämmerung noch ein Stück vor sich hin zu phantasieren, ehe die Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte. Der Kater lag behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im Ofen, da die Nacht kühl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein paar schöne Geraniumtöpfe standen, kam ein süßer Duft, den die feine Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und während er in den glücklichsten Flageolettönen alle Waldvögel auf seiner Geige überbot und taktmäßig zwischen seinen niedrigen vier Wänden auf und ab schritt, hatte er so seine gottwohlgefälligen Gedanken, wie ihm doch eigentlich zur vollkommenen Glückseligkeit nichts Wesentliches mangle, zumal da ihm einer seiner Amtsbrüder drunten in Sankt Valentin eine Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen Brüder in ihrem sonnigen Tal am Fuß des Ifinger ziehen, und der heute abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte.
Da klopfte es an seiner Tür, und in der Meinung, es sei eben nur die Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein Spiel zu unterbrechen. Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als die Tür aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt des verschollenen Andree vor ihm stand.
Erschrecken Sie nicht, Hochwürden, ich bin's, sagte der Jüngling, indem er vollends hereintrat. Da sehen Sie, der Kater kennt mich wieder, der würde wohl das Fell sträuben, wenn ich nur ein Spuk wäre. Ich hätte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine Briefpost.
Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu verbergen. Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die ihn ganz verwandelt erscheinen ließen.