Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es überlief ihn kalt und heiß. Alles, was er in der ersten Bestürzung sagen konnte, war: Und die Moidi?

Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als Sie, und wenn Sie mir nicht raten können, bin ich ein elender Mensch in dieser und in jener Welt.

Indem hörten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und während die Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger, wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rüstete, die Kerze hinstellte und ihrer Überraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten die beiden Männer Zeit, sich zu sammeln und auf das Gespräch, das nun folgen sollte, im stillen vorzubereiten. Die Magd ging zögernd wieder hinaus. Sie hätte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt. Indessen fürchtete sie sich vor der ungewöhnlich feierlichen Miene ihres hochwürdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich öfters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem gewohnten Kennerzug an die Lippen zu führen. Denn seine Zunge war bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der nächsten Zeit gesprochen werden mußten.

Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl, hochwürdiger Herr, wenn ich mich setzen muß. Aber wir sind heut vierzehn Stunden über die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,—die Knie wollen mich nimmer tragen. Wenn Sie wüßten, Hochwürden, was wir ausgestanden haben, so sähen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Sünder ohne Trost und Stärkung von sich gelassen.

Der kleine Seelsorger schien von diesen demütigen Worten getroffen zu werden. Er hob das Glas, ließ es erst gegen die Kerze in seiner roten Glut spielen, trank einen bedächtigen Schluck, und reichte es dann seinem Zögling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen wagte. Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen können. 's ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter weg, ich hab' ihn heut erst bekommen.

Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es wieder über den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwürden. Aber was ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten müssen: Bin ich der Maria Ingram—Gott hab' sie selig!—ihr Sohn, oder bin ich's nicht?

Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschöpfung litt es ihn nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fäuste beide auf einen Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rückte.

Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi. Nun du das weißt, gib dich über alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen, verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und würde dir auch zu nichts frommen.

Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes ließ plötzlich nach, und die Züge wurden nur kummervoll und hoffnungslos. Ich dank' Ihnen, sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewußt. Auch wenn mir's niemand gesagt hätt', meine Mutter könnt's nicht gewesen sein. Und ich würde mich auch damit zufriedengeben, denn am Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden können, muß ich mich wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan. Aber das arme Weib, Hochwürden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat, weil sie meint, es wär' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie mich zu sehr gehaßt hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb gehabt hätte—nein, Hochwürden, da hilft nichts als Brief und Siegel, sonst fürcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbärmlich, wie sie sich's zu Gemüte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist.

Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermüdung. Der Hilfspriester aß und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt hätten, von denen er keinen Bissen schmeckte. Erzähl erst, sagte er, wie's so weit gekommen ist. Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch gutmachen läßt. Wo hast du die Monate her gesteckt, daß kein Hahn nach dir krähen konnte?