Aber kein Vaterunser lang währte es, so tauchte der Lichtschein wieder auf, und der würdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug eine Maßflasche, mit einem zartgelben Wein gefüllt, wie einen Säugling im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Gläsern. Siehe, sagte er zu Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trösten, geziemt es, unser eigenes Gemüt zu kräftigen. Trink, armer Sohn; du wirst ihn noch wiederkennen. Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Bläschen mehr.
Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe er trank, und stieß mit seinem bekümmerten Pflegling herzlich an. Ich hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon übte die Nähe des edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung. Gaudete in Domino semper, stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir auch der armen Büßerin ein Fläschlein füllen, denn sie wird es brauchen können.
Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der über den Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in großen Zügen und setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den Tisch. Als die große Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd, eine schöne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen Fiorituren verbrämt, ein Stück, das er immer an wichtigen und bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstück, der mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht herumwandelte und mit den großen grünen Augen den Andree ansah, als wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein. Dem aber brannte vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, und nur seine Ehrfurcht und das eigene Schuldbewußtsein hielten ihn ab, den geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu erinnern, daß die Moidi die Minuten zähle, bis er ihr Trost brächte.
Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich mit dem Ärmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein schwarzes Gewand. Die Magd kam, goß den Rest des Terlaners in ein Fläschchen, das Andree einstecken mußte, brachte dem Herrn seinen Hut und leuchtete ihnen die Treppe hinunter. In der Laubengasse war es indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hörte man das Singen und Lachen der welschen Maurer und Tagelöhner und hie und da Streit und heftige Reden, und die Wächter saßen bei den offenen Buden und rüsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach. Als sie auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim Herrn Dekan ein Geschäft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann. In einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, daß ich gesagt hätt', es wird noch alles gut.
Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig küßte, und stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich entschließen konnte, hinaufzugehen. Aber der Terlaner half ihm, und nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er droben in der Pfarrwohnung an.
Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden, hat er niemand verraten wollen. Als er aber eine Viertelstunde später wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafür eingetreten. Er seufzte oft, während er die rauhe Straße zum Küchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Häuschen liegen sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dämmerte, seufzte er noch stärker und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Aber wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht allein lassen in ihrem Unglück, und so öffnete er ohne anzuklopfen die niedrige Tür und trat über die wohlbekannte Schwelle.
Er fand das junge Paar in der Küche, wo die Mutter gestorben war; der Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu kochen, die Moidi saß still und teilnahmslos auf dem Bett drüben an der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde auch nirgends wieder eine Heimat finden. Als der geistliche Herr an sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett zurück und saß in sich geschmiegt, die Hände vors Gesicht gedrückt, ohne einen Laut von sich zu geben.
Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr?
Sie nickte hastig vor sich hin.
Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen zu mir?