Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte. Er schüttelte traurig den Kopf. Andree, sagte er, geh einstweilen in die Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden.

Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer, sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwül in dem Hause, wo er so viel Leids erfahren hatte.

Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein Herz zu mir und höre, was ich dir sage. Ihr habt freilich Sünde getan, und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte Zucht und Buße vom Herrn hinzunehmen. Aber so schwer ist eure Sünde nicht, daß ihr sie nicht wieder gutmachen könnt, und was dich am meisten ängstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich—dem Himmel sei Dank—von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu christlichen Eheleuten machen. Also sei getrost und erhebe dein Angesicht und betrübe mich und den Andree nicht mit deinen Einbildungen, die das Übel nur ärger machen und dem bösen Feind entstammen, der die Seelen verderben will.

Er erwartete, daß sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein Wort sprechen würde. Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als gälte alles, was er sagte, nicht ihr. Er trat noch näher zu ihr heran und nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hände, die kalt und feucht waren, vom Gesicht. Da sah er, daß ihre weichen, kindlichen Züge in den kurzen Monden schmerzlich verwandelt waren. Sie hielt die Augen fest geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren Umrisse feiner und schärfer erschienen, übergoß plötzlich eine tiefe Röte, als der geistliche Herr ihr die Hände wegzog.

Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden. Sprich ein Wort, Moidi, sagte er mit Nachdruck. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, wo es dir fehlt. Ist es dir nicht genug, daß ich dir beteure, der Andree ist nicht dein Bruder?

Da schüttelte sie heftig den Kopf und öffnete die Augen mit einem starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte. Ich weiß es besser, sagte sie dumpf vor sich hin. Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich nicht irremachen lassen, sie hätte alle betrogen, die geistlichen Herren und das Amt und alle. Aber den Herrgott betrügt niemand. Wie sollt's auch anders sein? Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft sie ihm nicht, jetzt da er elend ist? Ich weiß es besser, uns hilft niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und laßt mich allein, was sucht Ihr hier? Ich muß nur erst das Kind-Da stockte sie, und es schüttelte sie wieder über den ganzen Leib, und sie schloß die Augen von neuem. Plötzlich wurde sie wieder stiller, als sinne sie über etwas nach. Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen über uns sprechen? Ja, wenn das anginge, das wäre wohl schön. Aber ich weiß es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es käm' die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun hätte, daß der Andree und die Moidi ein Paar werden sollen, da würdet Ihr's erleben, da würde plötzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, daß sie Euch betrogen hat, und Ihr könntet den Segen nicht sprechen. So wird es kommen; ich weiß es besser!

Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine Vorspiegelung des bösen Feindes, um dich in noch größere Sünde zu verstricken. Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich weiß, wer des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin?

Sie sah plötzlich groß auf zu ihm, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, daß er tief davon erschüttert wurde und sich abwenden mußte, um sich wieder zu fassen. Da hörte er, wie sie leise höhnisch vor sich hinlachte. Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr könnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn, es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber wer kann uns helfen? Wenn Ihr wüßtet, wer seine Eltern sind, würdet Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, daß man mit Fingern auf die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder und Schwester und hätten doch ein Kind. Aber Ihr könnt die Eltern nicht rufen, denn wo sind sie? Die Mutter kenne ich wohl, sie hat mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich weiß es besser!-Da widerstand er nicht länger. Höre mich an, sagte er und trat dicht an ihr Bette. Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hören und will dir sagen, was ich weiß, und was so wahr ist, wie daß ein barmherziger Gott im Himmel wohnt. Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele, daß du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstört ist und es noch schlimmer werden möchte, wofern ich schwiege. Willst du mir auf das heilige Sakrament versprechen, es für dich zu behalten?

Sie nickte dreimal mit aufmerksamer Miene, in der ein schwacher Schimmer von Hoffnung aufdämmerte. Siehe, fuhr er fort, der Andree bedarf's nicht; er hat keine Zweifel und Gewissensqual und wird dich ohne Furcht in die Kirche führen. Und ich denke wohl auch, daß dann seine Mutter mit unter den anderen sitzen und im stillen den Segen mitbeten wird, aber nicht der abgeschiedene Geist der Maria Ingram, deiner armen Mutter, sondern—und er neigte seinen Mund dicht an ihr Ohr—die Tante der Rosine, die Anna Hirzer, die ihn aus der Taufe gehoben, die wird mitbeten und wahrlich keinen Einspruch tun.

Er hatte die Worte mit hastigem Flüstern herausgestoßen und fuhr, wie von seiner eigenen Rede erschreckt, in die Höhe, ob kein dritter sie gehört habe. Das junge Weib saß still und starr; es war, als hätte die Enthüllung dieses Geheimnisses keinen Eindruck auf ihre verstörte Seele gemacht.