Nun du so viel weißt, meine Tochter, fing der kleine Priester nach einer Pause wieder an, sollst du auch wissen, wie das alles gekommen ist, denn sonst dächtest du, auch das sei nur eine Vorspiegelung. Du weißt aber wohl, daß deine Mutter den kleinen Andree damals von der Alm mit heruntergebracht hat. Auf selbiger Alm hat ihn die Anna Hirzer geboren. Ein Jahr zuvor nämlich ist ein fremder Herr aus Deutschland nach Innsbruck gekommen, ein Offizier, der hatte einen Feldzug gegen den Napoleon mitgemacht, und wie seine Wunden geheilt waren, schickten ihn die Ärzte ins Tirol hinein, weil die Luft droben, wo er zu Hause war, ihm nicht guttat. Nun, da hat er die Anna Hirzer auf der Straße gesehen, und es ist bald richtig zwischen ihnen geworden, denn er war ein rascher und ritterlicher Herr, und was er sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte geschehen, grad wie der Andree es von klein auf gemacht hat. Aber die Sache hatte noch einen schlimmen Haken, denn der Offizier—du hörst doch, was ich sage, Moidi?

Sie nickte rasch mit dem Kopf und hob beide Hände auf, als wollte sie ihn bitten, sich nicht über ihr starres Wesen zu verwundern, sondern ruhig fortzuerzählen.

Ja siehe, Kind, sagte er, der Herr war sonst ein wackrer Herr, von Adel und reich, und gedachte die Anna auch zu heiraten. Aber er war ein Lutheraner und wollte von unserer heiligen Kirche nichts wissen, und die Anna weinte Tage und Nächte, daß sie ihn in der Verdammnis wissen und ihm nicht helfen sollte. Und als sie merkte, daß ihr Bitten und Beten nichts über ihn vermochte, ist sie zu ihrem Beichtvater gegangen, der hat ihr geraten, ihr Herz Gott zum Opfer zu bringen und vor dem Versucher zu fliehen. Und weil sie ein frommes und heiliges Gemüt hatte, ist sie auch wirklich von Innsbruck weg, ganz heimlich, daß es ihr Bräutigam erst erfuhr, als sie schon wieder auf Goyen angekommen war, bei ihrem Bruder. Der hat sie sehr gelobt, daß sie lieber geflohen war, als das schwere Ärgernis zu geben; denn du weißt, daß die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind für unsern katholischen Glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den rechten Arm wollt' er missen, als ein Glied seiner Familie verlorengeben an die Ketzer und Widerchristen. Die Anna aber hatte sich doch zuviel zugetraut, denn schon nach ein paar Tagen glich sie sich selber nicht mehr und ging wie ein Schatten herum, nahm auch kaum einen Mund voll Speise, daß ich dachte, sie wird ausgehn wie eine Lampe, der man kein Öl nachschüttet. Sie hing schon allzusehr an dem Fremden, und Gott weiß, was ich drum gegeben hätte, wenn sich die armen Leutchen hätten ehelich verbinden können. Ich hab' auch mit dem Herrn Dekan damals viel verhandelt, aber zuletzt zerschlug sich's immer wieder, weil die Kinder nicht auch verdammt sein sollten, das hätte auch die Anna nicht übers Herz gebracht. Und so vergingen sechs oder sieben Tage; da kommt der Joseph eines Morgens zu mir, feuerrot vor Wut und Ärger, und erzählt mir, der Ketzer, der Bräutigam, sei ihr nun wirklich nachgereist und wohne auf Schloß Trautmannsdorf, weil er mit dem Grafen bekannt sei. Was nun werden solle?—Ich wieder zum Dekan, und wieder der alte Bescheid; und dann zur Anna hinauf und von der zu dem Fremden—an die Tage will ich denken, so alt ich werden mag, die haben mich nicht wenig Schweiß und Herzblut gekostet. Aber während wir noch alle mit Sorgen und Reden und Raten zu schaffen hatten und ich fast glaubte, wir würden an dem Fremden, der ein sehr ehrerbietiges Benehmen gegen mich hatte, der Kirche einen verlornen Sohn zuführen, wußte sich der trotzige und wagehalsige Mann heimlich des Nachts auf Schloß Goyen zu schleichen und trotz der Wachsamkeit des Joseph seine Liebste wiederzusehen. Wohl vier Wochen lang dauerte die Heimlichkeit. Eines Morgens aber, noch lang vor der ersten Messe, als er in der grauen Dämmerung eben wieder fortwollte und zwar wie immer zum Fenster hinaus, wo neben der rauhen Burgmauer die Fichte so dicht stand, daß er sich wie an einer Leiter hinunterschwingen konnte, da war der Joseph Hirzer früher als sonst aufgewacht und sah die Gestalt herabklimmen und wußte alles. Da gab es einen wilden Kampf in der stillen Schlucht droben, wo's nach der Naif zu steil abfällt, und die Anna mußte aus ihrem Fenster mit ansehn, wie der Bruder den Bräutigam zuletzt niederrang und ihn mit den Füßen trat. Der Fremde war aber gegen einen Felsen gefallen und hatte sich so schwer verletzt, daß er sich nur mühselig, eh' es Tag wurde, bis nach Trautmannsdorf schleppen konnte und dort elendiglich darniederlag. Er verlangte gleich, sobald er zur Besinnung kam, fort, und so ließ ihn der Graf in seinem eigenen Wagen nach Venedig bringen, und kaum drei Wochen war er dort, so kam die Nachricht, daß er gestorben sei.

Der kleine Priester schwieg ein wenig, nahm bedächtig eine Prise aus dem Rindendöschen und sagte dann, vor sich hin blickend: Friede sei seiner Seele! Er war ein feiner und edelmütiger Kavalier und stattlich von Gesicht und Statur. Der Andree ist sein wahres Ebenbild, nur daß er kleiner ist und die Augen von der Mutter hat. Niemals ist mir's so nah gegangen wie damals, zu denken, warum doch der verschiedene Glaube unter den Menschen bestehen muß und der eine verdammen, der andere selig machen. Aber Gott hat es so eingesetzt, und wir kurzsichtigen Menschen müssen es hinnehmen. Ich war es selbst, der aus Venedig die Nachricht der Anna bringen mußte. Das war auch ein saurer Gang, meine Tochter! Es ist aber hernach wieder friedlich droben zugegangen, der Joseph und die Anna haben sich kein böses Wort drüber sagen dürfen, sie hatten sich beide was zu vergeben. Und wie der Sommer kam, ist die Anna zum Schein nach Bozen abgereist, heimlich aber ging sie auf die Alm zu deiner Mutter, denn außer uns fünfen hat nie eine lebendige Seele erfahren, was in jener Nacht geschehen. Nicht einmal auf Trautmannsdorf wußten sie, zu wem der fremde Herr bei Nacht auf Besuch ging. Und als alles vorbei war und deine Mutter den Knaben von der Alm mit nach Hause gebracht hatte, da ließ die Anna ihr Testament aufsetzen und verschrieb ihr halbes Vermögen der Kirche von Meran und die andere Hälfte der Kirche in Innsbruck, wo sie ihren Bräutigam zum erstenmal gesprochen hatte, und stiftete jährlich eine Anzahl heiliger Messen für die Seele des Toten, ob der Herrgott sich seiner erbarmen möchte. Das ist nun alles so gekommen und nicht mehr zu ändern, und ist besser, das alte Ärgernis, das nunmehr eingeschlafen ist, nicht aufzuwecken. Auch würde es dem Andree übel anstehn, das Testament anzufechten und die Seele seines Vaters der kirchlichen Gnaden zu berauben. Also ist es auch für ihn heilsamer, er erfährt sein Lebtag nichts von Vater und Mutter, zumal er ja auch kein Verlangen danach trägt. Du aber, meine Tochter, wirst dessen eingedenk sein, was du mir gelobt hast, und dann wird die heilige Mutter Gottes Fürbitte tun, daß eure Sünden euch vergeben werden und ihr ein friedliches und Gott wohlgefälliges Leben miteinander führen könnt nach so mancherlei Prüfung. Amen!

Er hatte die letzten Worte in feierlich ermahnendem Ton mit erhobener Stimme gesagt und wartete jetzt, ob sie noch eine Frage zu tun oder einen Einwand vorzubringen hatte. Sie aber saß mit geschlossenen Augen ganz still auf dem Bette, den Kopf an die Wand zurückgelehnt, die Hände im Schoß gefaltet. Die ängstliche Wildheit war aus ihrem Gesicht gewichen, die Stirn unter dem wirren blonden Haar geglättet und heiter, ihre Brust atmete friedlich. Nach einer kleinen Weile neigte sich das Haupt auf die Schulter, und die verschlungenen Hände lösten sich. Die Erzählung des kleinen Seelsorgers hatte sie wie ein Wiegenlied eingelullt, und sie war nach den Mühen und Beschwerden der letzten Zeit zum erstenmal wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken.

Der Hilfspriester stand auf, mit zweifelhafter Miene; eine solche Wirkung seiner Seelsorge hatte er nicht erwartet. Es fiel ihm jetzt erst wieder aufs Gewissen, daß er einem armen gestörten Wesen, das schwerlich ganz zurechnungsfähig sei, das bedenkliche Geheimnis in die Hand geliefert habe. Und sie hatte nicht einmal ihr Gelübde, zu schweigen, selber abgelegt und nur zu allem genickt mit zerstreutem Blick und vielleicht tauben Ohren. Aber was geschehen, war nicht zu ändern, und so viel wenigstens gewonnen, daß sie schlief und also für diese Nacht kein Unheil stiften konnte. Morgen ließ sich dann weiter sorgen.

Leise trat er von dem Bette zurück und ging aus der Tür. Andree saß noch draußen auf der Bank, stand aber nicht auf, als der geistliche Freund herauskam. Auch er, da er sein armes Weib in treuer Flut wußte, hatte die überwachten Sinne nach so langer Anspannung endlich wieder sich selbst überlassen, und so war der Schlaf über ihn gekommen, der beste Seelsorger der Jugend.

Zu derselben Stunde dachte droben auf Schloß Goyen niemand an Schlaf. Am späten Abend war ein Bursch aus Dorf Tirol, der auch vorzeiten der Moidi nachgegangen war, zum Franz gekommen und hatte ihm die Neuigkeit von der Heimkehr der beiden Verschollenen und wie es um die Moidi stehe, hinterbracht. Es sei ein großer Zorn unter allen Leuten und ein allgemeines Gerede, das dürfe, nicht geduldet werden, die Geistlichkeit müsse einschreiten und solchen Greuel mit Bann und Feuer von der Erde tilgen, zum furchtbaren Exempel für alle Zeiten.

Den Franz traf diese Nachricht gerade in der übelsten Laune. Er war frischweg von einem Bräutigamszwist mit der jungen Witwe nach Haus gekommen, und da man ihm droben in solchen Stimmungen sorgfältig aus dem Wege ging, griff er begierig nach dem neuen Anlaß, seine Galle zu erleichtern. Er konnte sich's nicht versagen, in das Zimmer zu treten, wo der Vater hinter der Flasche und einem alten Zeitungsblatt, die Tante und die Rosine an ihren Spinnrädern saßen, um hier im derbsten Stil die saubere Historie von den beiden Landfahrern zum besten zu geben. Niemand erwiderte ihm ein Wort, es war ihm aber schon eine Genugtuung zu sehen, daß die Tante totenblaß wurde und der Rosel in die Arme sank. Sie hatte immer dem Andree das Wort geredet; nun mochte sie's erleben, daß er auf die elendste Art zu Grunde ging. Mit einem höhnischen Gute Nacht! ging er aus der Tür und strich mit seinem Gesellen die steilen Pfade hinab durch die laublosen Kastanienwälder der Stadt zu, um dort die Nacht zu verzechen und finstere Pläne zu schmieden.

Die drei, die auf Goyen zurückblieben, saßen wohl eine Viertelstunde schweigend beisammen, die Tante, die sich rasch wieder erholt hatte, schien zu beten, Rosel sah, keines eigenen Gedankens fähig, auf den Vater, der unverändert auf das Zeitungsblatt starrte und heftig rauchte. Endlich stand er auf, klopfte die kleine Holzpfeife bedächtig aus und befahl der Tochter, zu Bett zu gehen.