Als er mit der Anna allein war, trat er dicht vor sie hin und sagte: Laß einmal das Beten! Man betet nichts weg, was einem der Teufel auf den Weg gelegt hat. Du hast gehört, daß der Landstreicher—ich mag ihn nicht nennen—wieder einpassiert ist. Kann wohl sein, daß er Wind davon hat, wie er auf die Welt gekommen ist, und Lärm machen will, um sich aus der Klemme zu helfen. Ich sag' dir aber, über meine Schwelle darf er mir nicht, weder er noch seine Dirne. Unsere Familie soll nicht an die vierzig Jahre in Ehren bestanden haben, um über Nacht den Schimpf zu erfahren, daß solch ein lutherischer Findling sich bei uns eingedrängt und des Joseph Hirzer eigene Schwester auf ihre alten Tage in der Leute Mäuler bringt. Wenn all dein Beten und Heiligsein zu weiter nichts gut gewesen wär', als dich nach zwanzig Jahren zum Kinderspott zu machen, so wollt' ich, du—Er schluckte die Fluchrede hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, denn sie sah ihm geradeaus und mit ernsthaftem stolzen Blick in die Augen.—Es ist schon gut, fuhr er in etwas gelinderem Tone fort, wir brauchen darüber nicht viel Redens zu machen, du weißt so gut wie ich, was alles kommen wird, wenn du nicht Vernunft behältst. Ich lasse morgen früh anspannen und fahre mit dir nach Lana, erst in die Messe, hernach zu unserm Vetter, wo du so lange bleiben kannst, bis hier wieder reine Luft ist. Denn ich denke, es soll nicht lange hergehen. Ich will die Hand in die Tasche stecken und ihm ein Abstandsgeld anbieten lassen, wenn er sich verpflichtet, das Weite zu suchen und nimmer heimzukommen. Allenfalls könnte man ihm das Haus samt den Gütern abkaufen und die Dirne in den Kauf geben, so wäre man ihn los und hätte sich nichts gegen ihn vorzuwerfen. Ich will das noch überlegen, 's ist Zeit genug morgen auf der Fahrt, und zu Mittag komm' ich dann heim und kann mit dem Zehnuhrmesser den Handel abkarten, der vermag noch das meiste über den Tollkopf und wird selber einsehen, daß alles Aufsehen vermieden werden muß. Handelst du aber meinem Willen zuwider, Schwester, so laß dir's gesagt sein: Ich treib's, soweit ich kann, damit ich dir nicht einen Kreuzer herauszuzahlen brauch', und müßt' ich mich unter die Erde prozessieren. Nun weißt du's, und nun sei gescheit und rede mir nichts drein und such keine Finten und Umwege. Denn es wäre umsonst; darauf magst du das Sakrament nehmen.

Er ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, und sie hörte, wie er noch einmal in den Keller hinabstieg, um sich einen Schlaftrunk zu holen, den er trotz seiner festen und zuversichtlichen Rede wohl brauchen mochte. Die Rosine schlich wieder herein und sah die Tante mit scheuen, verweinten Augen an. Komm, sagte die Alte, wir wollen in meine Kammer gehen; ich habe dir was zu sagen.

Sie stand ruhig auf von ihrem Spinnrad, und ihre Hand, die das Licht ergriff, um es über den Flur an ihr Bett zu tragen, zitterte nicht. Während der Bruder ihr seinen harten Willen eröffnet hatte, war auch in ihr ein unerschütterlicher Wille erstarkt. Sie war auch eine Hirzerin, und der Bruder wußte es wohl. Und darum brauchte er den Schlaftrunk, denn trotz seiner drohenden Sicherheit ahnte ihm nichts Gutes. So hatte ihn die Anna nur einmal im Leben angeblickt: als er ihr zum erstenmal nach jenem nächtlichen Kampf wieder unter die Augen zu treten wagte.

Der Schlaftrunk aber tat seine Schuldigkeit. Als unten in Meran die Glocken zur Frühmesse geläutet wurden, lag der Herr von Schloß Goyen noch im tiefen Schlaf und überhörte es auch, daß der alte Hofhund freudig aufbellte und mit der Kette rasselte. Auch der Franz konnte es nicht hören, er hatte die Nacht in Meran zugebracht. So stiegen die beiden weiblichen Gestalten in ihren dunklen Sonntagsgewändern unbemerkt die Holzstufen an der Mauer herab und traten ihren Weg durch die neblige Winterfrühe schweigend und eilfertig an.

Sie hatten beide die Nacht durchwacht und den Morgen herbeigesehnt. Denn die Alte hatte der Jungen alles erzählt, was diese bisher nur dunkel ahnte und aus einzelnen aufgefangenen Worten des Vaters, wenn er im Rausch war, sich zusammenreimen konnte. Das geheimste Fach ihres großen Wandschrankes war aufgeschlossen worden, und alte Briefe, ein kleines Bildnis des Toten und die verblichenen Geschenke, die sie von ihm bewahrte, kamen zum erstenmal vor andere Augen als die beiden, die nicht müde wurden, über sie zu weinen. Nur in dieser Nacht vergossen sie keine Träne; sie leuchteten vielmehr von einem schönen Heldenmut, der das ganze Gesicht wunderbar verjüngte, die Wangen rötete und auch jetzt, da sie durch den Morgen hinschritt, ihren Gang jugendlich beflügelte, daß die Junge der Alten nur mit Mühe zur Seite bleiben konnte.

Es lag aber ein Nebel über den Tälern der Naif und Passer, daß sie wie in einer Wolke wandelten und drüben den Küchelberg und die Trümmer der alten Zenoburg nur mit den obersten Zinnen über den Dunst heraufragen sahen. Noch immer klang das Geläut und dazwischen das Tosen der Passer, und auf den vielen Fußpfaden links und rechts hörten sie Kirchgänger, die ihnen im Nebelduft unsichtbar blieben, eifrig miteinander reden und dann und wann die beiden Namen nennen, die ihnen das Herz klopfen machten. Unten am steinernen Steg war es bereits lebhaft von Männern und Weibern, die ehrfurchtsvoll grüßten, als die Anna Hirzer, die Heilige, in ungewohnter Hast durch sie hindurchschritt. Auch standen alle still und steckten die Köpfe zusammen. Denn die Alte wandelte nicht wie sonst mit dem Strome der übrigen links durch das graue Stadttor der Kirche zu, sondern man sah sie in die steile Straße zur Rechten einbiegen, die auf den Küchelberg führt. Viele gingen ihr nach, zumal die Straße ungewöhnlich belebt war, als seien droben wundersame Dinge zu schauen. Stieg doch die Anna Hirzer hinauf, die Heilige, des Andree Pate. Was wird sie dem verirrten Paar, das in Schmach und Sünde wieder heimgekommen ist, zu sagen haben? Will sie mit ihrer Heiligkeit die armen Sünder gegen geistliches und weltliches Gericht beschützen, oder selbst das Wort der Verdammnis über sie aussprechen?

So raunten die Bauern und ihre Weiber untereinander. Die Anna aber sah nicht rechts noch links, erwiderte auch die Grüße kaum mit einem leisen Kopfnicken, sondern ging die steinige Fahrstraße hinan, als wäre sie schon ein abgeschiedener Geist, der weder irdische Beschwerde fühlen, noch Menschenrede achten könne. Dicht hinter ihr schritt die Rosine mit de in stillen Gesicht, das alle gewohnt waren. Nur war es heute so bleich, daß mitleidige Weiber es sich mit Achselzucken und Kopfschütteln zeigten, während das Gesicht der Alten von einem frischen Rot angehaucht war. Sie nahm sich auch nicht die Zeit, auf der halben Höhe auszurasten, wo eine Bank am Felsen stand. Es war, als triebe sie die Ahnung vorwärts, daß sie keine Minute zu verlieren habe.

Und freilich hatte die Nacht Unheil gebraut und gegen Morgen ein drohendes Gewitter um das kleine Haus auf dem Küchelberg zusammengezogen. Bald nach Mitternacht war der Schläfer vor der Tür aufgewacht, von der Kälte geschüttelt. Er hatte sich sacht in den Flur geschlichen, und als er sein armes Weib sanft eingeschlafen fand, vor den Herd gestreckt, um noch ein paar Stunden auszuruhen. Als er von seinen bangen Träumen im Zwielicht des weißen Morgennebels erwachte, hörte er Stimmen vor dem Fenster und sah Gestalten durch die Scheiben hereinspähen, die dann wieder verschwanden, um anderen Platz zu machen. Er horchte durch die Haustür, die er zum Glück in der Nacht verriegelt hatte, und vernahm abgerissene Worte, die ihn nicht zweifelhaft ließen, was draußen umgehe. Aber wenn er erst durch den Nebel hätte blicken und die Straßen und Gärten überschauen können, wäre ihm vollends das Herz gesunken und das Haar zu Berg gestanden.

Denn draußen hatte sich die halbe Bevölkerung der Dörfer Tirol, Gratsch und Algund, durch welche sie tags zuvor in ihrem elenden Aufzug gewandert waren, in dichten Massen angesammelt, und keinem kam es darauf an, die erste Messe zu versäumen. Was sie hier suchten und weshalb sie das Haus umstanden, wußte so eigentlich niemand. Bei allen regte sich nur das dunkle Gefühl, daß sich etwas Unerhörtes mit zwei Menschen ereignen müsse, die so unerhört sich versündigt, die Neugier, wie sich die Obrigkeit dem Greuel gegenüber benehmen würde, bei sehr wenigen das Mitleiden. Denn was die blonde Moidi etwa an Teilnahme der Nachbarn genoß, wurde durch die geringe Gunst, die sich der wortkarge Andree erworben, ja durch die Feindseligkeit, zu der sein herrisches Wesen die jungen Burschen gereizt hatte, völlig wieder aufgewogen.

Und so hörte man unter den Haufen der Neugierigen nur finstere Reden und sah nur strenge Gesichter. Von Meran herauf gesellten sich nicht wenige hinzu, auch ein stattlicher Trupp von den Weißjacken, die des Andree Abenteuer mit ihrem welschen Kameraden noch nicht vergessen hatten, und je länger das Geläut zur Kirche anhielt, desto zahlreicher strömte drüben aus den Passeirer Dörfern das Landvolk die steilen Bergpfade herauf Denn seitdem man Reben am Küchelberg gezogen und Wein gekeltert hatte, war manche wilde und blutige Tat und mancher empörende Frevel geschehen, aber einer Todsünde, die so frei und frank sich vor das Auge der Menschen gewagt hätte, konnte sich niemand entsinnen.