Während nun das Summen und Murren der Volksmenge immer noch anwuchs und doch keiner wußte, was werden sollte, hörte man plötzlich, da gerade die Glocken eben verhallten, eine rauhe Stimme überlaut rufen: Schlagt die Tür ein! Mit den Fäusten will ich ihn herausschleppen, den Lump, den elenden, in Stücke will ich ihn zerfetzen, hin muß er werden, 's ist ihm geschworen, so wahr ich der Hirzerfranz bin, mit vier Rossen soll er zerrissen werden und Glied vor Glied in die Passer geschmissen, so gehört sich's dem Höllenhund, und wer was dawider hat, der soll's mit mir zu tun kriegen.
Eine lautlose Stille hatte sich auf einen Schlag über die Kopf an Kopf gedrängte Menge gelagert. Die tausend neugierigen Augen richteten sich auf die Straße, auf der der Hirzerfranz daherschwankte, rechts und links von einem seiner Zechkumpane geführt, mit denen er die Nacht drunten in der Schenke zusammengesessen hatte. Er war ohne Hut, das Gesicht stark gerötet, aber sein Gang und Wesen nicht wie eines Trunkenen. Der Haß und das Bewußtsein, der Wortführer der großen Menge zu sein und eine preiswürdige Rachetat zu vollziehen, hatten ihn nach kurzem Schlaf völlig wieder ernüchtert.
Der Gefangene im Hause drinnen hörte die wütenden Worte deutlich und gleich darauf das orkanartige Brausen der tausend Zurufe, die von allen Seiten losbrachen und den Vollstrecker des Strafgerichts ermunterten. Er hörte, wie das Gewühl näher heranschwoll, und es überlief ihn todeskalt. Sein eigenes Leben hätte er immerhin darangegeben; die Welt war ihm feindlich gewesen von Jugend auf. Aber das arme junge Geschöpf, das drinnen so ahnungslos von der wochenlangen Mühsal ausruhte, wie konnte er es retten, wie ertragen, daß es um seinetwillen ein furchtbares Martyrium erlitt? Sollte er hinaustreten, um sich zu opfern und alle Schuld auf sich allein zu nehmen? Aber wer würde ihn anhören, wer ihm glauben, selbst wenn er sich auf das Zeugnis seines geistlichen Freundes berief? Und doch mußte es versucht werden, auf alle Gefahr, denn das Getümmel draußen erhitzte sich mit jeder Minute. Er hörte jetzt auch, wie sein alter Geselle, der Köbele, sich ins Mittel zu legen und den Franz wegzudrängen versuchte. Sie sollten warten, was das Amt beschließen würde, der Herr Dekan solle gerufen werden oder der Zehnuhrmesser, der der Beichtvater der schwarzen Moidi gewesen sei, es sei nicht richtig mit dem Handel, die Gerichte würden's schon ausweisen. Und dann wieder die überlaute Fluch- und Greuelrede des Franz, und dazwischen Geschrei welscher Soldaten, das Ruheheischen einiger alter Männer, Zeter und Wehklage der Weiber und bis zu den fernsten Gruppen hinüber der dumpfe Widerhall einer empörten Menschenmenge, die von blinden Leidenschaften hin und her gerissen wurde.
Der Gefangene gab sich verloren. Schon bedachte er, ob er nicht die Moidi wecken und dann seinen Stutzen von der Wand nehmen und sie und sich erschießen sollte, um sie vor Ärgerem zu bewahren; da wurde es draußen auf einmal stiller, und er hörte ein vielfaches Beschwichtigen und Ruhegebieten, dem nur der Franz nicht gehorchte. Aber auch dessen Stimme verstummte plötzlich, und statt ihrer vernahm der Lauscher drinnen im Flur die sanfte, aber feste Stimme der Tante Anna, die jetzt nur noch wenige Schritte von dem Hause entfernt sein konnte.
Du solltest dich schämen, Franz, hörte er sie sagen, hier am heiligen Sonntag zu toben und zu fluchen und die anderen Leute aufzuhetzen, die alle nicht wissen, was sie hier tun. Geh heim, auf der Stelle, und zieh dein Feiertagsgewand an, und dann komm wieder herab zur Kirche und bete zu unserm Heiland auf den Knien, daß er dir deine Sünden nicht schwerer anrechne als dem Andree und der Moidi da drinnen, die du armseliger Mensch zu Gericht ziehen willst, als wärest du der Richter, und bist selbst nur ein unwissender, sündiger Mensch, wie wir alle sind. Steh mir hier nicht länger im Weg, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, und ihr andern geht auch eurer Wege; nur ich habe ein Recht, an diese Tür zu klopfen, denn daß ihr es nur wißt, da drinnen wohnt mein Sohn, den ich mit Schmerzen geboren und lange Jahre verleugnet habe, weil ich ein schwaches Weib gewesen bin und die Schande vor der Welt gefürchtet habe. Jetzt aber sage und bezeuge ich vor dem Angesicht Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und vor den Ohren aller, die hier versammelt sind: Mein ist er, und wer ihn anklagen oder schmähen will, der klage mich an, denn ich habe es verschuldet, daß er in Schuld und Elend gefallen ist, weil ich ihn nicht an meiner Hand gehalten habe, wie eine Mutter ihr Kind halten soll, sondern habe ihn einer Fremden überlassen, die ihn nicht lieben konnte. Nun wisset ihr's, und nun gehet in die Kirche hinunter und betet für eine große Sünderin, die ihr für fromm und gerecht gehalten und geehrt habt, und die von allen Frauen die letzte und verachtetste sein muß, wenn Gott sich ihrer Reu' und Leiden nicht in Gnaden erbarmen will.
Als sie das gesprochen hatte, blieb alles stumm, und niemand regte sich von der Stelle, außer dem Franz, der verstört zurückwich und jetzt unter der Menge verschwand. Die Anna aber pochte an die Tür des Hauses, die sich alsbald öffnete. Auf der Schwelle stand der Andree wie ein Träumender. Da sah er die Augen der Mutter auf ihn gerichtet und sah, wie sie überflossen und wie ihr die Knie wankten, als sie einen Schritt ihm entgegen tat, und sie wäre vor ihm niedergefallen, wenn er nicht beide Arme fest um sie geschlungen und sie wieder aufgerichtet hätte, daß sie an seiner Brust sicher ruhen und sich ausweinen konnte. Jetzt erst kam wieder Leben unter die Volkshaufen; aber sie lösten sich geräuschlos auf, untereinander flüsternd, die Weiber drückten ihre Tücher gegen die Augen, die Männer gingen schweigsam hinweg. Viele blieben zurück und starrten in die offene Türe, in der die Mutter mit ihrem Sohn verschwunden war.
Es währte auch nicht lange, so traten sie wieder heraus, die Mutter in der Mitte, der Andree zu ihrer Rechten, die Moidi zur Linken, alle drei Hand in Hand. Sie sprachen nicht miteinander, sie blickten mit stillen Gesichtern wie verklärt vor sich hin. Und als die Moidi draußen der Rosel ansichtig wurde, ließ sie auf einen Augenblick die Hand der Mutter los und fiel der Getreuen mit weinenden Augen um den Hals. Dann zog sie die Freundin mit sich fort, und die vier wundersam verbundenen Menschen gingen durch die stillen Haufen des Volks die Straße hin, die nach der Stadt hinunterführt. Ein lautloser Strom Andächtiger schloß sich ihnen an.
Unten aber, wo der Marktplatz von Menschen wimmelte, öffnete sich ihnen eine breite Gasse. Das Gerücht war ihnen vorausgeeilt, an allen Haustüren und Fenstern standen die Bürger und Bauern, um die Anna Hirzer zu sehen, die Heilige, die ihren Sohn einherführte, um ihn der ganzen Stadt zu zeigen und Zeugnis abzulegen, daß sie große Sünde getan und der Barmherzigkeit ihres Gottes bedürftiger sei als mancher, der sie heilig gesprochen.
Und eine Stunde später, als die Zehnuhrmesse eingeläutet wurde, kniete die Mutter mit ihren beiden Kindern ganz vorn zwischen den Stühlen auf dem kalten Stein. Der Geistliche am Altar sah sie wohl. Seine Stimme zitterte, als er die ersten Worte sprach. Dann tönte sie immer voller und freudiger durch den hohen Raum, und als die Orgel zum Schluß einfiel, sah er mit einem Blick nach oben, als wolle er allen Segen des Himmels auf das gebeugte graue Haupt und die beiden jugendlichen ihm zur Seite herabflehen.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Weinhüter, von Paul Heyse.