Ihr findet Euch nicht hinaus auf jener Seite, und hinunter dürft Ihr nicht, an der Hexe vorbei.
Überlegt Ihr's auch wohl, Teresa? Und wenn Euer Bruder in die Mühlenkammer träte und einen Fremden dort versteckt sähe?-Mein Bruder kennt mich, sagte sie stolz. Fort!
Nur ein Wort noch. Wer ist sie? was fürchtet Ihr von diesem Weibe?
Alles; aber ich kenne Tommaso. Sie ist die Frau von Ninos Onkel. Als man den Toten fand, bei Puzzuoli ans Ufer gespült, da blieb ihr Auge allein trocken; Gott verzeihe ihr's, ich nicht! denn sie haßte mich, weil mich viele schöner fanden als sie. Nun will sie mir meinen Bruder rauben, die Listige. Tommaso aber kennt sie; er und ich—ich und er, wer will uns scheiden?—Tretet in die Kammer, Herr, und haltet Euch still. Hernach sag' ich's meinem Bruder, warum ich es getan.
Sie drängte ihn hinein und zog die Tür hinter ihm fest an; dann hörte er, wie sie eilig durch die Hintertür auf die Wiese ging. Er aber, allein gelassen in seinem Gefängnis, konnte sich zuerst einer starken Aufregung und Beklommenheit nicht erwehren. Bald jedoch gewann der Reiz des Abenteuers die Oberhand, und er überlegte, wie er sich in allen möglichen Fällen zu benehmen haben würde. Währenddem sah er sich unter den mancherlei fremdartigen Dingen um; das einfache Radwerk musterte er, die großen Siebe und Bütten, die Mühlsteine der verschiedensten Größe, die an der Wand lehnten. Dort im Winkel war Tommasos Bett aufgeschlagen, ein Gebetbuch lag auf der Decke, ein Weihkessel hing zu Häupten an der Wand. Alles Licht, was in die Kammer fiel, drang von der Seite des Mühlenrades durch große Öffnungen herein, durch die man in die Speichen sah und auf das jenseitige Felsenufer der Schlucht. Aber auch in der Wand, die den Mühlenraum von dem mittleren Gemach schied, entdeckte er bald eine Öffnung, die ihn den größten Teil desselben überschauen ließ. Hier faßte er Posto und wartete mit wachsender Spannung der Dinge, die kommen würden.
Nicht lange, so traten von der Wiese her die Geschwister ins Haus. Er sah Tommasos Gesicht unter einer Fülle schwarzer Lockenhaare, von einer zwillingshaften Ähnlichkeit mit den Zügen der Schwester. Eine tief zurückgehaltene Bewegung belebte jeden Muskel und glänzte unheimlich aus den finstern Augen. Die Jacke glitt ihm von der Schulter, ohne daß er es bemerkte; lange stand er mit gekreuzten Armen am Tisch und nickte zuweilen mit der hohen Stirn, als hörte er der Schwester aufmerksam zu, die seinen Arm gefaßt hatte und mit heftigem Flüstern, für den Deutschen unvernehmbar, zu ihm redete. Aber seine Gedanken schienen abwesend zu sein. Zuweilen zuckte seine volle Unterlippe; doch schwieg er während der ganzen Zeit. Er konnte nicht über dreißig Jahre alt sein; eine herrlichere Männergestalt entsann sich der Späher in der Mühlkammer nie gesehen zu haben.
Da klopfte es an der äußeren Tür. Im Nu flog Teresa von des Bruders Seite fort auf einen Sessel am Herd, an den der Spinnrocken gelehnt stand. Als Tommaso, der seine Stellung nicht verließ, herein! rief und die Tür sich auftat, schwang Teresa den Rocken und schien schon eine Stunde so gesessen zu haben. Auch ihr Gesicht war kalt und gelassen.
Mit einigem Zögern trat die blonde Frau herein und machte sich, während sie den ersten Gruß sagte, mit ihrer Kleidung zu schaffen, offenbar um ihre Erregung zu verbergen. Sie schüttelte vom Saum ihres Rockes die Tropfen ab, warf die Schuhe nieder und zog sie leicht an die nackten Füße. Jede Bewegung war weich, anmutig, halb bewußt, halb natürlich reizvoll. Das Gesicht, erhitzt vom Wege, glühte über und über, und die schwarze Kleidung ließ die Zartheit ihrer Farben und das matte Blond des Haars in diesem südlichen Lande um so wundersamer erscheinen. Sie war kleiner als Teresa, voller und schmiegsamer, rascher, wenn sie sich bewegte. Aber die braunen Augen trugen alles Feuer des neapolitanischen Himmels in sich.
Guten Abend, Teresa! Wie geht's, Tommaso? sagte sie.
Ihr seid's, Lucia? erwiderte das Mädchen. Was führt Euch von Neapel herüber in unsere Einsamkeit?