Nehmt Platz, Lucia, und seid willkommen, sagte der Bruder, ohne sich ihr irgend zu nähern.
Sie folgte der Aufforderung und setzte sich ans Fenster, immer noch mit ihrer Kleidung beschäftigt. Ich hatte in Carotta zu tun, fing sie wieder an, indem sie den Strohhut abnahm und ihr Haar aus der Stirn strich. Da dacht' ich, ehe ich wieder heimfuhr, Euch zu besuchen, Teresa. Der Weg hier herauf ist schlecht; wir hatten böses Wetter.
Für die Mühle war es gut, sagte Teresa kurz.
Lucia ließ ihre Augen im Gemach herumgehen und leicht über Tommasos
Gesicht gleiten, der in scheinbarer Gleichgültigkeit mit einem Stück
Kreide, das auf dem Tisch gelegen, einen Strich neben den andern malte.
Die drei Menschen wußten, daß entscheidende Worte fallen sollten,
und jeder wollte dem andern den Eingang dazu überlassen.
Bring doch ein Glas Wein für Lucia! sagte Tommaso jetzt, ohne die Schwester anzublicken.—Teresa spann eifrig fort. Die Fremde sprach nach einigem Zaudern: Lasset den Wein; ich habe nicht lange Zeit zu bleiben. Der Abend sinkt herein und mein Boot wartet auf mich an der Marina von Carotta; denn ich will auf die Nacht nach Neapel zurück. Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Warum kommt Ihr nie nach Neapel herüber, Teresa? Der Winter muß hart sein hier in der Schlucht.
Keine Zeit ist mir hart mit meinem Bruder zusammen, entgegnete das Mädchen. Und was hab' ich in Neapel zu suchen? Es zieht mich zu niemand dort, zu niemand.
Wieder schwiegen sie alle. Endlich wandte der Mann sich nach der
Schwester und sagte ruhig: Hast du dem Tier den Stall gemacht für die
Nacht, Teresa!
Sie zuckte zusammen, denn sie verstand den Wink. Aber wie sie aufsah, erkannte sie an seinem festen Blick, daß es des Bruders Wille war; sie stellte rasch den Spinnrocken weg, verließ das Gemach, und man hörte sie draußen absichtlich laut an der Gittertür des Stalles sich zu tun machen, um jeden Verdacht, als ob sie horche, abzuschneiden.
Dem Deutschen auf seinem Lauerposten schlug das Herz, als er die beiden nun allein einander gegenüber sah. Obwohl die Vergangenheit dieser Menschen ihm nur zur Hälfte offen lag, wußte er doch genug, um eine Szene der seltsamsten Art vorauszufühlen. Er sah bald den Mann, bald die schöne Frau am Fenster an, und seine eigene Lage wurde immer peinlicher, wenn er sich sagte, daß die Worte, die auf beider Lippen schwebten, für keines andern Menschen Ohr bestimmt sein konnten. Einen Moment dachte er daran, sich in die entfernteste Ecke der Mühlenkammer zurückzuziehen. Aber jeder Schritt konnte ihn verraten, und so mußte er stehen bleiben, wo er stand.
Das Schweigen drinnen dauerte noch eine kurze Zeit. Dann sagte Lucia:
Eure Schwester haßt mich, Tommaso; was habe ich ihr zuleide getan?