Damit warf er das Stück Kreide fort und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, durch das Zimmer. Sie folgte seinen Bewegungen mit ängstlicher Spannung. Endlich sagte sie: Weiß Teresa, daß ich Witwe geworden?

Sie erfuhr es erst eben aus Eurem schwarzen Kleid. Wir haben die vier
Jahre her Euren Namen zwischen uns nicht genannt.

Wenn Ihr die Briefe nicht gelesen habt, so wißt Ihr auch nicht, daß mein Mann Euch dreihundert Piaster vermacht hat; Ihr müßt aber selbst nach Neapel kommen, sie beim Gericht abzuholen, wo sie für Euch niedergelegt sind.

Sie können dort liegen bleiben bis an den jüngsten Tag, sagte er ohne sich zu besinnen, wenn Ihr nicht vorzieht, sie den Armen zu geben. Ich hole sie nicht, auch wenn ich sie nötiger brauchte, als gottlob der Fall ist. Geld von Eurem Manne, Lucia! Lieber verhungern!

Wie redet Ihr? sprach sie leise, mit einer Stimme, die von Bestürzung zitterte. Wie soll ich dieses alles deuten? Es war sonst anders zwischen uns, Tommaso!

Um so schlimmer, daß es anders war!

Sie stand von ihrem Sitz auf, tat einige Schritte auf ihn zu und suchte mit scheuen Augen die seinigen. Die aber bohrten sich fest in die Platte des Tisches, hinter den er wieder getreten war, als suche er etwas Fremdes zwischen sich und das schöne Weib zu bringen, zum Schutz gegen ihre Reize. Sie hatte die rechte Hand fest unter die volle Brust gelegt; der Deutsche sah durch die Wandspalte die blauen Adern auf dem runden Arm und wie die schmalen Finger bebten an dem klopfenden Herzen.

Was habe ich Euch getan, Tomà? sprach sie kaum hörbar. Hat man mich verleumdet bei Euch, so sagt es mir, alles, und ich will meine Finger auf die Hostie legen und schwören, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin. Wie eine Begrabene hab' ich gelebt mit meinem Manne, seit Ihr fortgegangen, und niemand kann aufstehen und sagen, daß die Wirtin der Sirena ihm einen Blick oder ein Lächeln gegönnt hat.

Das ist Eure Sache und war die Sache des Toten. Warum kommt Ihr her und sagt das mir?

Große Tränen traten ihr ins Auge, als sie die harten Worte hörte, und er fühlte es wohl, wie tief der Schlag getroffen hatte, obwohl er sie noch immer nicht ansah. Dann sagte er nach einer Weile: Was hilft es, daß wir durch die Maske sprechen, und unsere Stimmen verstellen? Gerade heraus, Lucia: du bist gekommen, um mir zu sagen, daß du nun frei seiest und niemand mehr im Wege stehe zwischen uns beiden. Aber ich sage dir, es steht doch einer zwischen uns, und wir sind verdammt, für unsere Sünden ewige Flammen zu fühlen und ewig getrennt zu sein.