Er schauderte in sich zusammen und schien einen letzten Kampf zu kämpfen. Dann sah er sie trostlos, glühend, starr und lange an und sprach: Es muß aus werden, ich will die verzehrende Qual, dich zu sehen und dir zu entsagen, nicht zum zweiten Male zu überstehen haben. Schwöre mir bei deiner Seligkeit, Lucia, daß du niemand sagen willst, was noch niemand von mir gehört hat und was du nun hören sollst. Auch in der Beichte und im Sterben komme das Wort nicht über deine Lippen. Es ist nicht, weil es mir selbst zum Verderben wäre, wenn die Menschen es wüßten; aber Teresa überstünde es nicht. Schwöre, Lucia!
Sie erhob die Hand. Bei unserer Seligkeit schwöre ich dir's zu,
Tommaso, niemand soll es wissen außer mir und dir.
Er seufzte tief auf und warf sich in einen Stuhl, die Arme auf die Knie stützend und den Boden zu seinen Füßen anstarrend. Lucia, sprach er halblaut, ich habe die Wahrheit gesagt, Nino steht zwischen uns, jetzt im Tode, wie damals im Leben. Er war rein und unschuldig wie Abel, und auch ihm zur Seite stand ein Kain. Kain floh in die Wildnis; begreifst du's nun.
Sie schwieg.
Du hast recht, fuhr er fort. Wer kann es begreifen? Aber es kommen Stunden, wo die Hölle Macht hat über uns, daß es ist, als säße ein fremder Geist in unserer Brust und knebelte alle rechtschaffenen Gedanken, und nur die teuflischen ließe er frei, zu tun, was sie wollten. Haben wir's dann getan, was hernach das Ende davon ist?—Das soll mir einmal ein Pfaffe auslegen, das weiß keiner!
Wie ich den Jungen geliebt habe! Ermordet hätt' ich den Wahnwitzigen, der mir ins Gesicht nur mit einem Hauche schlecht von ihm gesprochen hätte! Wenn ich ihn singen hörte, vergaß ich alle Sorgen; wenn er in mein Haus kam, wurde es helle darin. Einem eigenen Sohn oder Bruder kann man nicht mehr anhängen. Stolz war ich auf ihn. Als Neapel von seiner Stimme zu reden anfing, sagt' ich wie ein Narr zu den Leuten: das ist unser Nino, mein alter Spielkamerad! Und wußte mir was damit, als hätte ich ihm die Stimme aus dem Meer gefischt und geschenkt. Und wie war er zu mir! Da er schon berühmt war und bei Prinzen und Grafen sang und die stolzen Damen sich um einen seiner Blicke beneideten,—er kam nach wie vor in unser Haus am Strande und war am liebsten mit uns, und manches Mal, wenn ich ihm auf dem Toledo begegnete, mein Netz über der Schulter, ließ er einen andern Bekannten stehn und faßte meinen Arm und ging eine Strecke mit mir. Niemand war so holdselig; kein Falsch in ihm, kein Sündhaftes. Er hätte alle Weiber in Neapel haben können, aber er gab keine Feige dafür. Ich habe ihn oft darum ausgelacht; ich wußte damals noch nicht, wer ihm das Herumlieben verleidete.
Nur ein Böses hat er mir getan, daß er mich zu seinem Onkel ins Haus führte, als der brave Alte von Capua nach Neapel zog und die Sirena kaufte. Kam er nicht vor allem, um sich an Ninos Glück zu freuen, das sein Werk war? Warum mußte er kommen und Euch mitbringen, Lucia! Seit der Stunde schon verlor ich Nino, der Himmel weiß, nicht durch seine Schuld. Aber wer konnte ihm darum gram werden, außer mir und Euch, daß er die Ehre seines Wohltäters bewachte?
Es war ihm nie eingefallen sonst, mir Vorwürfe zu machen über meine Liebeshändel, obwohl er auch keinen sonderlichen Gefallen daran hatte, wenn ich ihm von der oder jener Frau sprach, die mich gerade im Netz hatte. Er war unschuldig wie der Erzengel Raphael; aber er kannte auch die Welt und wußte, daß nicht alle waren wie er, und war fern davon, die Menschen ändern zu wollen. Auch als er bald merkte, wie es um uns stand, Lucia,—nie kam ein Wort über seine Lippen. Ihr aber wißt wohl, daß er es allein war, der all unsere Listen und Anschläge vereitelte. Ich schäumte in mir; hundertmal schwor ich mir, sobald ich ihn wiedersähe, ihm alle Freundschaft aufzukündigen, wenn er ferner Eure Schwelle bewachte, eifersüchtiger als der Onkel selbst, als ein Bruder, oder ein Verliebter. Denn er liebte Euch nicht, und kein Neid auf mich war mit im Spiel. Sah ich ihn dann, so zerbiß ich mir die Lippen, aber sagte kein Wort, und fast wurde die Raserei nach Euch gelinder in mir, wenn ich seine Stimme hörte.
Es schien, er las mir alle meine Gedanken in der Brust. Vielmals redete er mit mir vom Onkel, wie gut er sei, wie harmlos, und wie viel der Alte an ihm getan habe. Er sah mich dann zutraulich an, als wollte er sagen: Nein, Tomà, es ist nicht möglich, daß du einen Mann betrübst, dem dein Freund alles zu danken hat. Und ist er nicht auch gegen dich die Güte, das Vertrauen selbst?
Ich verstand ihn wohl; aber wenn ich Euch dann begegnete, verschlang mir die Wut der Liebe alle Vorsätze, alle Bedenken. Mein Gewissen verdorrte wie ein Baum neben der fließenden Lava. Und ein Jahr lang so herumzugehen, ich, der nie über eine Frist von vierzehn Tagen hinaus sich zu gedulden gelernt hatte! Schon einmal, als der Onkel nach Ischia gefahren war, Ihr entsinnt Euch, und wir aufatmeten, er aber sich ein Zimmer in der Sirena ausbat, um Noten abzuschreiben, weil der Lärm in seiner eigenen Wohnung ihn störe—schon damals hatt' ich finstre Gedanken. Ich wollt' ihm was unter den Wein mischen, was mir ein Bekannter gegeben; es sollte einen Menschen vierundzwanzig Stunden lang in Schlaf bringen. Dann aber entsetzte ich mich. Wenn es ein Gift wäre? Oder es schadete ihm an seiner Stimme? Ich tat es nicht, aber es blieb ein Stachel in mir zurück gegen ihn, und von Stund an wich ich ihm aus, denn sein Anblick verdroß mich, als wenn er mir nach dem Leben gestanden hätte.