So kam der Tag näher, wo er zum ersten Mal in der Oper singen sollte. Was wir für jenen Abend abgeredet hatten, Lucia, Ihr wißt es wohl. Hätte ich Euch nicht gekannt,—mein Haus hätte indessen abbrennen können, und ich wäre vor dem letzten Ton, der Ninos Triumph sein sollte, nicht von meinem Platz im Theater gewichen. Nun war all mein Sinnen nur darauf gerichtet, was mich erwartete, wenn ich nach dem ersten Akt mich fortschliche in die Sirena, wo Ihr die Kranke spielen wolltet, um nicht mit dem Onkel in die Oper zu müssen.

Da kam er am Abend vorher, wie Ihr wißt, und beredete mich, ihn mit aufs Meer zu nehmen. Welcher Engel oder Teufel hatte ihm unser Geheimnis zugeraunt? Denn er wußte es, und kaum daß wir allein auf der See zusammen waren, sagte er mir's ins Gesicht, das erste Mal, daß er mich offen zur Rede stellte. Ich leugnete alles. Tomà, sagte er, wenn du mir nicht versprichst bei unserer alten Freundschaft, davon abzustehen, so ist es mein Unglück. Ich werde singen wie ein Rabe, sie werden mich auszischen, und alles, was ich je gehofft habe, wird für immer dahin sein. Mein Bruder, sagte er, ich fordere es von dir! Ich könnte ja hingehen und den Onkel warnen. Aber er wüßte dann, welche Frau er hat, und wenn ich auch deinen Namen nicht nennte, wären wir doch ewig geschieden, du und ich. Versprich mir's also; das eine Opfer kann ich dir wohl wert sein.—Ich schwieg hartnäckig und sah nach den Netzen, und hörte zuletzt gar nicht mehr, was er redete, denn Euer Bild stand vor mir, Lucia, und das Blut tobte mir in den Schläfen.

Eine Stunde nachher kam ich allein im Boot nach der Küste zurück.-Die letzten Worte verhallten dunkel und tonlos, und die beiden Gestalten, er auf seinem Sitz, das Gesicht immer tiefer zwischen den Knien herabgesunken, die Frau bleich wie eine Tote, verharrten so wie Bilder, während es dunkler im Zimmer ward und draußen durch das Rauschen des Bachs Teresas Stimme erklang, die ein Ritornell anstimmte, wie um den Bruder zu erinnern, daß er ihr die Pein des Wartens nicht ohne Not verlängern solle. Und in der Tat weckte die Stimme den versunkenen Mann. Er erhob sich vom Sessel und neigte sich über den Tisch dichter zu dem regungslosen Weibe. Nein, Lucia, sagte er heiser, ich habe damals nicht gelogen. Das Netz zog ihn in die Tiefe, seine Füße verstrickten sich, nicht ich habe den Kahn umgestoßen; aber das ist nicht alles. Ich saß noch am Steuer, als er schon hinuntergestürzt war. Eisig war mein Gebein, meine Augen stierten auf den Strudel neben mir, der sich über seinem Haupt geschlossen hatte, ich sah die Blasen aufsteigen, als wollten sie mir zurufen: er atmet noch da unten! Und jetzt, jetzt tauchte eine seiner Hände über den Wellen auf und haschte nach einer festen Hand seines Freundes, eine Bootslänge nur sah ich sie von mir entfernt—ein silberner Ring glänzte am kleinen Finger in der Sonne—nur das Ruder hätt' ich hinzustrecken brauchen und er war gerettet, Lucia! Wollte ich ihn denn nicht retten? Mußte ich es nicht wollen? hielt ich nicht das Ruder auf den Knien, und nur ein Ruck des Armes und die Hand mit dem Ring hätte sich darum festgeklammert? Aber da saß der Dämon in meiner Brust und lähmte mir jede Faser und verstockte mir jeden Blutstropfen; wie vom Schlage gerührt saß ich fest, mir schwindelte, zu schreien versucht' ich—und immer stierte ich auf die Hand—und die Hand sank, jetzt bis an den Ring, jetzt bis an die Fingerspitzen, und jetzt—war sie versunken.

Erst da ließ mich die Hölle los; ich schrie wie ein Toller, ich sprang über Bord, daß der Kahn umschlug, und tauchte hinab, und wieder auf, und wieder hinab, und fand ihn nicht, obwohl ich sonst hundertmal eine kleine Münze vom Meeresgrund heraufgeholt habe, und schwamm endlich wieder zu meinem Boote zurück, die Verzweiflung im Herzen. Aber das Maß war noch nicht voll. Wie ich nach Hause kam ohne ihn, brach meine Schwester am Herd zusammen wie eine verlöschende Flamme; der Ring am Finger jener Hand, die aus den Wellen gestarrt hatte, war ihr Ring. Tags zuvor hatte sie ihn mit dem seinigen getauscht, ohne daß ich es wußte.

Er warf sich wieder in den Stuhl zurück und kehrte das Gesicht mit geschlossenen Augen gegen die Decke. Der Lauscher in der Mühlenkammer hörte ihn lange wie einen schwer Schlafenden röcheln aus der gepreßten Brust, während das unglückliche junge Weib sich mehrmals mit der Hand über die Stirne fuhr, die kalten Tropfen wegzuwischen. Das Furchtbare, das sie vernommen, hatte ihre Züge, die weich und sinnlich waren, geadelt; sie war schöner als zuvor, aber sie dachte nicht mehr daran.

Zuletzt schien Tommaso wie aus einem Halbschlummer aufzuwachen. Seid Ihr noch hier, Lucia? sprach er hastig. Was wollt Ihr noch von Tommaso? Seht Ihr sie nicht auch zwischen uns, die Hand mit dem silbernen Ring, die überall vor mir auftaucht und gen Himmel weist? Wenn wir am Altare stünden und Ihr strecktet mir Eure Hand mit dem Goldreif entgegen, das Haar würde mir aufstehen, meine Augen sich verwirren, Gold wie Silber, Lucias Hand wie Ninos scheinen, und Teufel mich aus der Kirche peitschen.—Geht heim, Lucia; vergeßt dies alles, haltet Euern Schwur und betet für Tommaso!

Damit stand er auf und trat an den Herd. Der Deutsche sah, wie sie heftig zitterte. Wird es nie anders werden? hauchte sie endlich hervor.—Er schüttelte nur, ihr abgewandt stehend, die Locken und machte mit dem Zeigefinger die Gebärde des Verneinens.—So behüte Euch Gott, Tomà; so gieße die Madonna Trost in Euer Herz und Schlaf zu Nacht auf deine Augen, Tomà, und—auf die meinen—die ewig nach dir weinen werden! Ich danke dir, daß ich alles weiß; ich könnt' es sonst nicht tragen, daß wir uns verloren haben. Ich danke dir, daß du mich noch liebst; verlern es nicht, es ist alles, was ich noch habe!-Er sah nicht mehr nach ihr um, sah die Tränenflut nicht, die ihr still aus den Augen stürzte, nicht das Winken mit beiden Händen zum Abschiedsgruß und ihr gewaltsames Sichabwenden, um zu gehen. Sie ließ die Tür offen hinter sich, und die Schwester, die gleich nach dem Abschied hereinstürzte, fand ihn noch wie vorher am Herd. Tomà! rief sie mit dem wildesten Schluchzen und Jauchzen und schlang die Arme um den stillen Mann, du hast ihr abgesagt, du bist mein, wir bleiben unser!—Jetzt erst sah sie die tiefe Blässe auf seinem Gesicht und erschrak. Wehe! rief sie, so tief ging es dir ans Leben? Nein, Tomà, das nicht, das sollst du nicht für mich tun. Noch erreicht sie deine Stimme; rufe sie zurück, mein Bruder, sage ihr-Still, Kind! unterbrach er sie fest und zwang ein Lächeln auf seinen Mund, während die Augen mit der schmerzlichsten Innigkeit auf ihre Stirne niederblickten. Es ist vorbei und zu Ende. Ich bringe kein Opfer, glaub es, Kind, dir kein Opfer. Wärest du vor vier Jahren aus der Ohnmacht nicht wieder aufgelebt, ich hätte dennoch zu ihr gesprochen, wie ich getan.—Es wird bald Nacht sein. Ich will noch einen Gang in die Schlucht hinauf machen und sehen, wie es oben steht mit dem Mühlbach. Ich sehe dich noch vor Schlafengehen, meine Schwester, meine Teresa! Morgen ist ein neuer Tag.

Er küßte sie auf die Stirn und verschwand durch die Tür, die nach der
Wiese ging.

Erst eine geraume Welle später wagte der Fremde die Tür der Mühlkammer zu öffnen. Teresa erschrak, als er zu ihr trat, sie hatte seine Nähe, wie es schien, völlig vergessen. Ihr habt alles gehört, sagte sie ernsthaft; besorgt nicht, daß ich Euch ausfrage. Tommaso wollte nicht, daß ich es höre! Das ist mir genug. Wo lebt auf Erden ein Bruder wie er? Sagt, ob mein Los nicht zu beneiden ist! O Tommaso!

Er nickte stumm und reichte ihr die Hand. Gute Nacht, Teresa, sagte er. Ich brauche Euch nicht zu bitten, daß Ihr es Euerm Bruder niemals sagt, wer seinem Gespräch mit Lucia zugehört hat. Es könnte ihm doch nur ein verhaßter Gedanke sein, daß ein Fremder Zeuge war, wo die eigene Schwester ausgeschlossen blieb.