Da kam mir eine Eingebung, die ich für sehr glücklich hielt. Schöne Frau, sagte ich, Ihr müßt mich erst über einen Punkt beruhigen. Ihr sagt, Euer Seliger sei unter die Briganten gefallen und nicht wiedergekommen. Wißt Ihr denn aber gewiß, daß er nicht mehr am Leben ist? Wenn er nun eines schönen Tages zurückkehrte und Euch reklamierte, oder gar mir einfach den Hals bräche, zum Dank dafür, daß ich ihm sein Eigentum inzwischen so gut aufgehoben hätte?

Diese Frage tat ich, als wir schon wieder oben in ihrem Salon auf dem bewußten Sofa saßen, gerade unter dem Bilde des seligen Komponisten. Ich fügte noch einige weise Reden über die Zweckmäßigkeit offizieller Totenscheine hinzu und über den Greuel der Bigamie—Warten Sie! sagte sie ruhig, stand auf und schloß ein Fach ihres Schreibtisches auf. Was zog sie daraus hervor? Sie werden es kaum glauben, aber es ist so buchstäblich wahr wie diese ganze Historie: zwei Fläschchen, beide wohlverkorkt und mit einer Schweinsblase luftdicht zugeklebt, und in jedem ein natürliches Menschenohr, kunstreich mit einem reinlichen Schnitt vom Kopfe abgetrennt und hier in Spiritus aufbewahrt! Ecco! sagte sie und hielt mir die Fläschchen hin, die ich vor Grausen nicht in die Hand zu nehmen vermochte. Dies ist wohl besser als mancher Totenschein. Es sind Carlos Ohren, ich erkannte sie auf der Stelle. Erst kam das rechte; das schickte mir einer seiner Freunde aus Neapel, und ich mußte fünftausend Lire als Lösegeld schicken, was ich auch sogleich tat. Aber es kam doch zu spät an; denn bald darauf erhielt ich das zweite Fläschchen und einen zweiten Brief des Freundes, worin stand, die Mordgesellen hätten das Geld genommen, aber als Quittung darüber eben nur das zweite Ohr ausgeliefert; was aus dem Menschen geworden, der daran gesessen habe, sei gänzlich dunkel, und ich müsse mich in Geduld fassen. Was sagen Sie zu dieser Zumutung an eine zärtliche Gattin? Ich mich in Geduld fassen? Nein, bei mir stand es sogleich fest: mein Carlo ist nicht mehr! O er hatte so empfindliche Ohren—und nun wollte man mir einreden, er hätte ihren Verlust überleben können? Arme und Beine hätten sie ihm amputieren können, und er hätte weitergelebt! Aber mein Carlo ohne seine Ohren—nimmermehr!

Ihr müßt das wissen, schöne Frau, sagte ich, und in der Tat, wenn diese traurigen Reliquien wirklich Eurem Seligen gehört haben-So gewiß wie dies mein kleiner Finger ist, sagte sie mit großer Überzeugung und betrachtete dabei die Fläschchen mit so wissenschaftlichem Ernst, wie etwa ein Naturforscher eine neue Amphibienspezies, die man ihm in Spiritus zugeschickt hat. Mich überlief eine Gänsehaut.

Dennoch, sagte ich, reicht dieses Vermächtnis schwerlich hin, Euch ganz frei zu machen. Die Gerichte sind sehr eigensinnig. Sie verlangen ganz andere Beweise, ehe sie einen Menschen aus dem Register der Lebendigen streichen.

Darum ist eben der Oheim nach Florenz, versetzte sie gelassen. Er kennt einige Minister und hofft, daß es ihm gelingen werde, die legalen Zeugnisse zu erhalten. Mein Mann ist nicht unbekannt, und sein plötzliches Verschwinden hat Aufsehen gemacht. Die Wahrheit muß endlich an den Tag kommen.

Damit ging sie wieder an ihren Schreibtisch, verschloß die teuren Andenken an ihren Seligen und setzte sich ans Klavier, um nun noch durch—den Zauber der Töne auf mich zu wirken. Aber ich konnte nicht mehr! Es war mir in der Nähe dieses entsetzlichen Frauenzimmers zu Mute, als hätte ich mich mit einer Wachsfigur eingelassen, in deren hohlem Innern eine Spieluhr angebracht sei. Die Haare standen mir zu Berge, als sie ihr beliebtes "Ah sin' all' ore" anstimmte; ich schützte Kopfweh vor und stürmte aus dem Hause ins Freie.

Ich flüchtete zu meinem lieben "Nettuno", aber ich konnte keinen Bissen hinunterbringen; alles widerstand mir, bis auf den Wein, dem es aber doch nicht gelang, mich ganz in Bewußtlosigkeit einzutauchen. Immer sah ich die beiden Fläschchen und die kaltblütigen schwarzen Augen darauf gerichtet und hörte den Klang der Spieluhr aus der hohlen Automatenbrust. Daß ich es unter diesem Dach nicht länger aushalten könne, stand bei mir fest. Aber wie sollte ich entrinnen, ohne daß dieses erbarmungslose Weib Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um mich aus jedem Schlupfwinkel, den ich in der Stadt nur ersinnen könnte, wieder hervorzuziehen? Schade, daß Toskana keine Abruzzen hat! Wie gern wäre ich ebenfalls in die Hände der Briganten geraten, unter der Bedingung, daß sie mich um keinen Preis wieder auslösen dürften.

Endlich brachte mir der treffliche rote Wein eine Erleuchtung. Ich mußte nicht nur das Haus, sondern die Stadt verlassen, wenn auch meine Studien am Kampanile noch sehr einer Revision bedurft hätten. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, wie ich, ohne Aufsehen zu erregen, meine Habseligkeiten an den Bahnhof schaffen sollte. Aber in der Desperation hatte ich einen Einfall, den ich Ihnen für künftige Notfälle empfehle, sei es im Leben, sei es in Novellen oder Lustspielen. Ich kaufte noch denselben Abend einen Koffer, den ich in den "Nettuno" tragen ließ und meinem getreuen Kellner überantwortete. Das weitere sollte der morgende Tag bringen.

Erst aber brachte die Nacht noch eine letzte Gefahr, nicht die geringste von allen. Stellen Sie sich vor, was diese Lucrezia für einen Spuk arrangierte. Ich war zu Bett gegangen, wie gewöhnlich, ohne ihr noch eine gute Nacht gewünscht zu haben, und die Hoffnung auf ein glückliches Entkommen ließ mich rasch und sanft einschlafen. Da werde ich etwa um Mitternacht durch ein heftiges Bellen des Hündchens und einen plötzlichen Lichtschein aufgeweckt und sehe meine schöne Witwe vor meinem Bette stehen in einer sehr fragwürdigen Gestalt, nicht gerade unschicklich, aber immerhin das verfänglichste Kostüm, in dem sie mir noch erschienen war. Sie haben ja wohl die "Nachtwandlerin" gesehn und den "Fra Diavolo"? Aus einer dieser Opern mochte meine Primadonna das weiße gestickte Unterröckchen noch übrig behalten haben, in weichem sie sich zu mir flüchtete, die Haare aufgelöst über die schönen Schultern, das Gesicht tragisch verzerrt. Um Gottes willen, was ist geschehen? rief ich und stützte mich im Bette auf.—Er ist mir erschienen, wie er leibte und lebte, sagte sie; er steht noch drinnen an meinem Bette, ich bin halbtot vor Schrecken und getraue mich nicht wieder hinein!—Possen! sagte ich, ganz ärgerlich. Ihr habt geträumt, Lucrezia. Legt Euch wieder schlafen und laßt mich in Frieden,—Nein, nein, sagte sie; kommt und seht ihn selbst und sagt dann, ob ich träume.—Und dabei faßte sie meine Hand, wie beschwörend, mit ihren beiden Händen; es fehlte nur noch, daß sie wie auf dem Theater zu singen anfing. Da wurde mir die Sache doch zu toll. Gut, sagte ich, ich will jetzt aufstehen und mitkommen. Steht er wirklich als Geist an Eurem Bette, so daß ich ihn mit diesen meinen Augen sehe, so ist es meine Ritterpflicht, mir in Eurem Namen diese ganz zwecklosen und unbequemen Nachtbesuche zu verbitten. Ist aber von einem Gespenst nichts zu sehen, so tut es mir herzlich leid, aber ich muß auf Eure Hand verzichten, Lucrezia; denn ich habe einen angeborenen Abscheu vor Nachtwandlerinnen und bin fest entschlossen, lieber ledig zu bleiben, als eine Somnambule zu heiraten.—Indem ich dies sagte, machte ich Miene aufzustehen. Aber sie ließ es nicht so weit kommen. Sie schüttelte abwehrend ihre schwarzen Haare, winkte mir mit den schönen weißen Armen eine gute Nacht und verschwand ohne jede weitere Auseinandersetzung.

Nun mußte ich trotz meines Ärgers aus vollem Halse lachen und schlief darüber friedlich wieder ein, wurde auch nicht zum zweiten Male gestört. Aber die ganze Affäre bestärkte mich natürlich in meinem Entschluß, mich heimlich davonzuschleichen. Denn der Oheim wurde täglich zurückerwartet, und wer konnte wissen, was sie dem bereits über mich geschrieben, und wie weit dieser Ehrenmann seine schöne Nichte durch mich "kompromittiert" glauben mochte. Ich ließ mir am Morgen nicht das geringste merken, zeichnete erst eine Welle, ging dann, als die Straße schon sehr belebt war, wie gewöhnlich aus, ein Päckchen unter dem Arm, das niemand auffiel und in dem ich einen Teil meiner Wäsche nach dein "Nettuno" transportierte, wo mein neuer Koffer übernachtet hatte. Auf die Art schaffte ich im Laufe des Vormittags nach und nach meine sämtliche Habe aus dein Hause, und als ich zuletzt die Risse und Zeichnungen in einen großen Blechzylinder verpackt den übrigen Sachen nachtrug, sah es doch in meinem Zimmer nicht anders aus als sonst, da ich den leeren Koffer, einige leere Mappen und mein Waschgerät dem Feind als Beute zurückgelassen hatte. Auch die türkischen Pantoffeln des Seligen standen mit der unschuldigsten Miene von der Welt unter dem Bette. Die Miete hatte ich auf einen Monat vorausbezahlt.