Nun können Sie sich denken, mit welchem Hochgefühl der Befreiung und Errettung ich die schöne Straße nach La Spezia hinsauste, wie ein Verbrecher, der zu lebenslänglichem Ah sin' all' ore all' ore estreme verurteilt war und glücklich ausgebrochen ist. Die Gegend ist dort so schön, daß es mich zu jeder anderen Zeit gewiß verdrossen hätte, auf der Eisenbahn hindurchzufliegen. Aber wer eine zärtliche Witwe zurückläßt, kann nicht rasch genug von der Stelle kommen. Erst als ich spät abends in La Spezia ankam und in der Eroce di Malta abstieg, glaubte ich mich geborgen und aß, trank und schlief mit leichtem Herzen. In meinem Zimmerchen war nur ein ganz kleiner Tisch, auf dem man kaum einen Waschzettel schreiben konnte. Aber—so wandelbar ist das Gemüt des Menschen—er gefiel mir in seiner Zwerghaftigkeit ganz ausnehmend, und ich konnte nicht ohne stillen Schauder an jenen Riesen zurückdenken, der mich ins Netz meiner Armida gelockt hatte.—Seit Wochen war ich nicht so fröhlich aufgewacht wie am andern Morgen, und weil es ein wundervoller Tag war, die reinste Junisonne und das Meer spiegelglatt, bcschloß ich, eine Fahrt auf dem Golf zu machen nach dem alten Fischer- und Piratennest Portovenere, von dem mir meine Freunde in Rom so viel erzählt hatten. Da der geringe Wind uns entgegenstand, mußte mein alter Schiffer zu den Rudern greifen, und zwei ganze Stunden brauchten wir, bis wir um das Vorgebirge bogen und nun der verwitterte Häuserhaufen, das malerische Kirchlein und die Insel Palmaria gegenüber in der vollen Sommersonne vor uns auftauchten. Sie werden diesen wundersamen Erdenwinkel ohne Zweifel auch besucht haben. Ist es nicht wirklich, als befände man sich da viele Meilen südlicher in einem jener Klippennester am Busen von Salern, wo noch Abkömmlinge der griechischen Kolonisten in homerischer Unbekümmertheit ihre Tage hinleben? Derselbe schöne Menschenwuchs, dieselbe vorsündflutliche Kochkunst und ein urweltlicher Schmutz, der in allen Ecken bergehoch versteinert. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die einzige Hauptgasse hinaufschlenderte durch die Reihen der spinnenden, singenden und schwatzenden Weiber, die mit losen Haaren und halb im Hemde unter den Türen saßen und mich anstarrten wie ein Meerwunder, das die Wellen eben ausgespien. Ach, und die herrliche Vegetation, das beneidete Aloe-Unkraut auf den Mauertrümmern der verfallenen Festungswerke, Kaktus, Wein und Oliven bunt durcheinander in den Gärtchen hinter den grauen Häusern, und die kolossalen Feigenbäume, die sich vor Früchten nicht zu lassen wußten! Wenn man sich in der reinlichen Toskana einen Monat lang herumgetrieben hat, tut einem diese Rückkehr in das Paradies, das der Besen einer löblichen Polizei noch niemals ausgefegt hat, über alle Maßen wohl. Ich wurde nicht müde, die Gäßchen hinauf- und hinunterzuklettern, aus den leeren Fensterbögen des alten Kirchleins auf dem äußersten Felsenvorsprung in die schöne Brandung hinunterzustarren, und dann wieder im Schatten der Festungsmauer im dürren Grase zu liegen und über die weißen Dächer weg auf den blauen Golf hinabzusehen, wo die Schiffe kamen und gingen, alles ganz wie vor tausend Jahren, bis auf die Rauchwolken, die aus den Schornsteinen der Dampfer gen Himmel stiegen. Ich war so völlig der Gegenwart entrückt, daß ich auch meine jüngsten Abenteuer nur wie etwas längst Vergangenes bedachte und mich sogar auf den Namen meiner Witwe einen Augenblick nicht mehr besinnen konnte.

Endlich trieb mich denn doch der Hunger wieder in das Nest zurück, und nachdem ich einige Male zwischen den beiden Häusern auf und ab gewandert war, über deren Türe albergo e trattoria geschrieben stand, entschied ich mich für das obere, vor dessen Tür ein paar piemontesische Soldaten Limonade gazeuse tranken und Karten spielten, während das andere von Matrosen wimmelte. Drinnen sah es freilich hier wie dort zigeunermäßig genug aus. Aber die gutmütige Wirtin wies mich eine Treppe hinauf in den "Salorie" und versprach, mir in fünf Minuten ein Mittagessen herzurichten. Während ich darauf wartete und die Tochter, ein stummes halbwüchsiges Mädchen, den Tisch deckte, sah ich mir die Bilder an, die eingerahmt an den Wänden hingen, einige französische Stahlstiche aus der Geschichte von Paul und Virginie, eine Madonna, mit goldenen Herzen beklebt, und die italienischen Nationalheiligen: Cavour, Garibaldi und der König-Ehrenmann. Der Saal hatte noch eine Tür zur Linken. Ohne mir was dabei zu denken, hatte ich schon die Klinke in der Hand, als die Wirtin eben hereintrat und mit einer halb erschrockenen, halb unwilligen Gebärde mir winkte, von dieser Türe zurückzubleiben. Ich entschuldigte mich, daß ich es ganz arglos getan, um zu sehn, ob sie nicht noch Zimmer hätten, wo man etwa übernachten könne. Nein, nein, gab die Frau hastig zur Antwort. Die übrigen Zimmer brauchen wir selbst.—Ich tröstete mich leicht hierüber. Denn der Gedanke, in dieser verräucherten Herberge hausen zu müssen, war nicht eben verführerisch. So setzte ich mich zu Tische und fand das Essen, mit Ausnahme einer fossilen Kotelette und des ranzigen Öles-, das sie mir an die grünen Bohnen gegossen hatten, noch erträglicher, als ich gefürchtet. Sie trugen mir ein paar delikate gebackene Fischchen auf, und der Wein war sehr trinkbar, so daß ich, nach dem heißen Tage, mich in vollen Zügen daran labte und noch ehe sie mir die trockenen Feigen und die versteinerten Biskuits zum Nachtisch gebracht hatten, auf dem Stuhl, wo ich saß, in einen festen Nachmittagsschlaf versank.

Ich mochte wohl ein paar Stunden in dem totenstillen Saal geschlummert haben, als mich plötzlich ein wunderliches Klingen ganz in meiner Nähe aufweckte. Ich öffnete die Augen, blieb aber ganz ruhig sitzen und horchte umher. Es klang, als würde auf einem uralten Klavezimbel gespielt, und die Töne kamen aus dem Zimmer nebenan, das zu betreten mir die Wirtin verboten hatte.

Daß ich neugierig wurde und auf den Zehen an die Türe schlich, um durchs Schlüsselloch zu sehen, werden Sie mir nicht verdenken. Wenn bloß ihr Novellisten das Vorrecht hättet, in fremden Ländern eurer Neugier die Zügel schießen zu lassen, könnten wir andern ehrlichen Menschen nur lieber gleich zu Hause bleiben. Und welches Glück, daß ich mich hier aufs Horchen legte! Zwar die Musik verriet mir nicht viel. Eine heisere Männerstimme sang allerlei abgerissene Verse eines Operntextes, von denen ich nur die üblichen Naturlaute:

Deh perfida! Ah barbaro! und:

Cottie? Tiranna! O dio!
Strappami il cor dal seno—

verstand. Das alte Instrument stand an der Wand gegenüber, so daß der Sänger, der davor saß, mir den Rücken zugekehrt hatte. Aber jetzt drehte er sich nach der Seite, um in einem Haufen geschriebener Noten zu wühlen, die neben ihm auf dem Bette lagen. Und nun raten Sie einmal, wer es war?

Doch nicht der verrückte Bariton, Tobia Seresi?

Noch toller! Noch erstaunlicher! So abenteuerlich, daß ich Ihnen nicht raten würde, dies zu erfinden, und nicht zumuten könnte, es zu glauben, wenn ich es nicht erlebt hätte: Sor Carlo, der Mann meiner Witwe!

Das ist stark, sagte ich. Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß der Wein von Portovenere Ihnen zu dieser Vision verhalf, oder daß alles nur ein Sommernachmittagstraum war.