Sie irren sich sehr, fuhr er fort. Hören Sie nur weiter. Daß ich anfangs selbst zu träumen meinte, können Sie sich wohl denken. Aber es war Zug für Zug dasselbe Gesicht, das ich über dem Sofa der Frau Lucrezia unter Glas und Rahmen oft genug studiert hatte.

Und die Ohren? fragte ich.

Die konnte ich nicht sehen. Die Haare schienen schon seit Monaten nicht mehr geschnitten worden zu sein und hingen dicht um den Kopf bis auf die Schultern herab. In der Überraschung muß ich wohl an der Tür gerappelt haben. Denn plötzlich drehte er sich vollends herum und rief: Seid Ihr's, Frau Beatrice?—So hieß nämlich die Wirtin.

Nun war ich doch einmal verraten und beschloß, mich lieber ganz und gar zu enthüllen. Ich rief ihm durchs Schlüsselloch zu, die Frau sei es nicht, aber ein Freund, der zwei Worte mit ihm zu sprechen wünsche. Dabei nannte ich seinen Namen und sah, wie er heftig erschrak und einen Augenblick zu überlegen schien, ob er sich nicht verleugnen solle. Aber was konnte das helfen, wenn er doch einmal von einem Fremden entdeckt war? So schloß er denn die Tür auf, und ich werde niemals den wunderlichen Blick vergessen, mit dem er mich musterte, etwa wie Lazarus, als er von den Toten auferweckt wurde. Lieber Sor Carlo, sagte ich, was zum Teufel haben Sie gemacht? Warum begraben Sie sich bei lebendigem Leibe in diesem elenden Fischernest, während ganz Pisa in Alarm ist um Ihr Verschwinden und Ihre trauernde Witwe Tag und Nacht keine Ruhe hat bis sie-Hier fiel er mir zum Glück in das Wort; ich hätte sonst am Ende die gute Lucrezia verleumderischerweise als ganz untröstlich geschildert.

Was? sagte er. Meine Witwe? Weiß denn meine Frau nicht, daß ich wohl aufgehoben bin?

Nun erzählte ich ihm, natürlich ohne meine eigenen zarten Beziehungen zu dieser liebevollen Seele zu verraten, wie ich die Dinge in Pisa gefunden, gestand ihm auch, daß ich in seinem Hause gewohnt und Zeuge von dem Kummer der einsamen Verlassenen gewesen sei. Wie ich aber auf die beiden Reliquienfläschchen zu reden kam, unterbrach er mich in heftiger Aufregung. Unerhört! rief er und zerwühlte sich das Haar, so daß ich nun das Vorhandensein eines ungestutzten Ohrenpaares konstatieren konnte. O ich bin schändlich betrogen worden! Man hat mir eine Rolle in einem Possenspiel zugeteilt, die mich bis an mein Lebensende lächerlich machen wird!—So schrie und tobte er in seinem kleinen Stübchen herum, und es dauerte lange, bis er sich so weit beruhigte, um sich aufs Bett zu setzen und mir den Zusammenhang dieser tragikomischen Geschichte zu enthüllen.

Da er mich mit Recht wie einen Hausfreund betrachtete—ich war es gottlob nicht in der verwegensten Bedeutung—so suchte er durchaus nichts zu verstecken oder zu beschönigen, sondern erzählte mir von Anfang an seine Liebes-, Heirats- und Leidensgeschichte. Er hatte seine Frau auf der Bühne kennengelernt und sich ebenso heftig in ihre Schönheit verliebt, wie er ihren Gesang verabscheute. Denn sie habe so ganz unheilbar falsch gesungen, daß sie die Ohren ebenso gemartert habe, wie sie die Augen entzückte. Er gestand mir sogar, seiner festen Überzeugung nach sei der arme Tobia Seresi bloß dadurch um den Verstand gekommen, daß er genötigt gewesen sei, einen ganzen Winter hindurch Duette mit ihr zu singen. Unter solchen Umständen habe er, Sor Carlo, sich endlich nicht anders zu helfen gewußt, als indem er sie von der Bühne wegheiratete. Aber leider habe das häusliche Glück und ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten das verhängnisvolle Talent nicht ersticken können. Dazu nun ihre Liebhaberei für geräuschvolle Haustiere, das unvermeidliche Kindergeschrei, der Lärm auf der Straße—kurz, seine Nerven hätten endlich so sehr gelitten, daß an Komponieren kein Gedanke mehr gewesen sei. Nun habe sie alles Mögliche ihm zuliebe getan. Aber sein Gehör sei jetzt schon so überreizt gewesen, daß er sich eingebildet habe, sie niese sogar falsch und ihre Schuhe knarrten um einen Viertelston zu hoch. Endlich habe er sich entschlossen, eine Erholungsreise nach Neapel anzutreten, und hier sei das Leiden auch bald milder geworden, zumal da er in dem stillen Landhause eines Schulfreundes, eines Arztes, ganz ungestört seinen Lieblingsarbeiten nachgehen konnte. Überdies fand er endlich hier unten einen jungen Poeten, der ihm einen Operntext ganz nach seinen Wünschen dichtete. jetzt nur sechs Monate in ungestörter Arbeitsruhe, und er wollte ein Werk zustande bringen, das ihn auf einen Schlag in ganz Italien berühmt machen sollte. Aber schon kamen die ungeduldigsten, sehnsüchtigsten Briefe seiner jungen Frau. Wenn er nicht zurückkehre, werde sie alles, Haus und Kinder, im Stiche lassen und ihren heißgeliebten Carlo aufsuchen. Und sie wäre es imstande gewesen! seufzte der Gatte; denn sie konnte nicht ohne mich leben, und ihre Eifersucht war nicht die geringste meiner häuslichen Annehmlichkeiten.—In dieser Not fragte er seinen Freund um Rat, der ebenfalls nichts lebhafter wünschte als den Ruhm und das schöpferische Glück des Freundes. Laß du mich nur machen! habe jener gesagt. Ich verspreche dir, daß sie dich bis zur Vollendung deines Werks in Ruhe lassen soll. Nur mußt du mir dagegen geloben, in der ganzen Zeit weder an sie zu schreiben, noch dich vor irgend einem Menschen sehen zu lassen, der ihr mündlich Nachricht von dir bringen könnte. Im übrigen werde ich es so einrichten, wie es für alle Teile das zuträglichste ist.—Diesen Vertrag sei er unbedenklich eingegangen, da er schon ganz von seiner Arbeit erfüllt gewesen sei und ja auch gewußt habe, daß inzwischen zu Hause alles wohl stehe. Die ersten Monate des Winters habe er in einem stillen Hause nahe bei Amalfi zugebracht und hier die Skizze seiner Oper vollendet. Sein Freund, der Arzt, habe ihn mit Geld versehen und alle vier Wochen geschrieben, Frau und Kinder seien wohl und ließen ihn grüßen. Als er dann soweit war, daß die vollständige Partitur geschrieben werden mußte, was er ohne Instrument nicht gut zustande bringen konnte, habe er Amalfi verlassen und sich nach einem kurzen Besuch in Neapel nach Portovenere zurückgezogen, wohin von La Spezia aus ein altes Klavier leichter zu schaffen war. Hier hause er nun friedlich seit fünf Monaten. Nur noch eine Woche, so sei auch das Finale des letzten Aktes glücklich instrumentiert, und nun erfahre er zu seinem Entsetzen, daß sein Freund seine Arglosigkeit aufs Schnödeste mißbraucht und auf seine Kosten eine Farce in Szene gesetzt habe, die ihn, da er eben an die Schwelle des Ruhmes gelangt sei, ohne Erbarmen vor ganz Italien zum Gelächter machen müsse.

Fassen Sie sich nur, sagte ich, während ich selbst Mühe hatte, mein Lachen zu unterdrücken. Es ist noch gar nichts verloren. Von den beiden herrenlosen Ohren, die Ihr zynischer Freund auf der Anatomie irgend einem stillen Mann abgeschnitten haben wird, wissen bis jetzt sehr wenige. Ihre trauernde Witwe hat sie nur den nächsten Teilnehmenden gezeigt. Im übrigen—was ist da zu lachen, wenn ein glücklicher Familienvater vor lärmenden Kindern und Haustieren die Flucht ergreift, um irgendwo in der Stille ein unsterbliches Werk zu schaffen? Freilich ist es nachgerade Zeit, daß Sie nach Hause kommen; denn Ihre schöne Frau wird natürlich umworben, wie weiland Penelope, und wenn Sie länger tot bleiben-Herr, sagte er und faßte mich erschrocken am Arm, Sie wollen doch nicht etwa sagen-Nicht das geringste, was Ihrer Ehre zu nahe treten könnte, fuhr ich eilig fort. In ganz Pisa kann niemand Ihrer Frau etwas Böses nachsagen, und daß sie mir eines ihrer überflüssigen Zimmer abgetreten, kann sie vor ihrem Gewissen verantworten. Ich habe eine Braut in Deutschland und gebe Ihnen meine heiligste Versicherung, daß mir in Pisa nichts ferner lag als Liebesaffären.

Er sah mich mit einem forschenden Blicke an, der mich überzeugte, daß seine alte Leidenschaft für diese Frau durchaus noch nicht erloschen sei. Als ich ihm aber von meinem Werk über den Schiefbau erzählte, beruhigte er sich, da er mich nun für einen ausgemachten Narren hielt. Ich will Ihnen glauben, sagte er. Aber was soll ich jetzt beginnen? Raten Sie mir! Ich war mein Lebtag ein ganz unpraktischer Mensch und habe nur für meine Kunst gelebt.

Wissen Sie was? sagte ich. Das beste wird sein, ich fahre sogleich nach Pisa zurück und bereite Ihre Frau auf Ihr Wiedererscheinen vor. Wenn Sie plötzlich unangemeldet ins Zimmer träten, könnte die zärtliche Seele den Tod vor Schrecken haben, oder doch zum wenigsten ein Nervenfieber. Sie packen indes Ihre Oper ein und folgen mir morgenden Tages nach.