Das schien denn auch dem guten Mann, der ziemlich kopflos und tiefsinnig immer noch auf dem Bette saß, das zweckmäßigste, und so nahmen wir kurz Abschied voneinander; ich bezahlte mein Mittagessen und wanderte die schmale Gasse hinunter, die jetzt schon recht kühl und dämmrig war. Nun erst konnte ich stille für mich in Lachen ausbrechen und mich an dem tiefen Sinn in diesem kindischen Spiel ergötzen. je mehr ich drüber nachdachte, je mehr mußte ich der Menschenkenntnis des Neapolitaners Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn daß Frau Lucrezia mit gelinderen Mitteln nicht zu bewegen gewesen wäre, auf ihren Carlo zehn Monate zu verzichten, stand auch mir felsenfest. Das Lustige an der ganzen Posse war mir aber der Vorgenuß der Schadenfreude, mit der ich in mein Zimmer in Pisa zu treten dachte, auf einmal wieder ein freier Mann und ohne Gefahr, "sin' all' ore, all' ore estreme" im Schatten des schiefen Turmes für das "zweite Lebensglück" meiner schönen Wirtin haften zu müssen.

Was aber geschieht? Wie ich schon das verfallene Tor durchschritten habe und um die Ecke biege, um unten an dem Landungsplatz meinen alten Schiffer wieder aufzutreiben, sehe ich eine verschleierte Dame mir entgegenkommen, die eben aus einem Nachen gestiegen war und bei meinem Anblick einen unverständlichen Ausruf tut. Ich achte nicht weiter darauf, da ich immer nur Pisa im Kopfe habe, und will spornstreichs an ihr vorbei. Plötzlich ergreift sie mich beim Arm, schlägt den Schleier zurück und ruft mit dem Tone sittlicher Entrüstung: Ha, Verräter, meint Ihr mir auch hier zu entrinnen?—Meinen Schrecken können Sie sich denken. Lucrezia! rief ich und weiter konnte ich nichts sagen, denn ich überlegte im Nu, wie sehr sie ihre Lage durch diesen Geniestreich verschlimmerte. Was sagen Sie aber dazu? War mir dieses unentrinnbare Frauenzimmer richtig nachgereist und machte Miene, mich zu Lande und zu Wasser, lebend und tot, wieder einzufangen. Um des Himmels willen! rief ich und zog sie in der ersten Bestürzung in den dunklen Torbogen, was fällt Ihnen ein, Lucrezia? Wissen Sie denn—O Ferdinando, unterbrach sie mich mit sehr erhabener Gebärde, ich flüchte mich zu Euch vor der Bosheit der Menschen. Der Oheim ist aus Florenz zurück. Er ist wie rasend und hat geschworen, mich umzubringen, wenn der Fremde, der hinter seinem Rücken sich bei mir eingeschlichen habe, meine Ehre nicht wiederherstelle, wie es einem Galantuomo gezieme. Die Tante hat ihn vergebens zu besänftigen gesucht, er will von nichts hören; er sagt nur immer, daß er Euch nacheilen und Genugtuung von Euch verlangen oder Euch niederschießen wolle, wie einen Räuber und Mörder. Was sollte ich tun, ich Ärmste? Ich habe mit vielen Tränen und Bitten eine Frist von drei Tagen erlangt; eine innere Stimme sagte mir, daß ich Euch finden und das Schlimmste noch verhüten würde. Im "Nettuno"erfuhr ich, Ihr seiet nach La Spezia. Dort hatten sie Euch nach Portovenere fahren sehen. Und nun, Ferdinando-Ihr kommt wie gerufen, sagte ich. Ihr spart mir einen Weg. Denn ich war eben im Begriff, wieder umzukehren und Euch die Nachricht zu bringen, daß Eure Witwenschaft zu Ende ist.

Wirklich? So ist es gut, so laßt uns eilig wieder in den Kahn steigen, sagte sie. Ich wußte es ja, Ihr würdet ein alleinstehendes Weib nicht so schwer kompromittieren, wenn Ihr es nicht gut und ehrlich mit ihr meintet.

Halt! sagte ich. Ihr wißt noch nicht alles. Die Toten stehn wieder auf. Euer Seliger sitzt droben im Wirtshaus und läßt Euch grüßen. Er ist frisch und gesund und im Besitz seiner sämtlichen Ohren, die Ihr von jetzt an hoffentlich etwas schonender behandeln werdet.

Nun war die Reihe zu versteinern an ihr. Während sie mich aber anstarrte, als ob ich ihr ein Märchen aus Tausend und einer Nacht erzählte, verlor ich keine Zeit, sondern berichtete ihr im Auszuge alles, was ich selber wußte. Und damit Ihr nun seht, schloß ich, daß ich es wirklich gut und ehrlich mit Euch meine, will ich Euch einen Rat geben, wie Ihr alles noch ganz herrlich wieder in Ordnung bringen könnt. Ihr geht jetzt auf der Stelle zu Eurem Seligen und erzählt ihm, daß ein unbestimmtes Gerücht, er halte sich hier in Portovenere versteckt, Euch von Pisa weggelockt habe. Der treffliche Mann, der Euch trotz mancher kleiner Schattenseiten noch immer blindlings zu lieben scheint, wird Euch nicht allzu scharf examinieren. Ein paar Zeilen, die Ihr an den Oheim vorausschickt, werden auch diesen Biedermann in die rechte Stimmung bringen, und wenn Ihr sonstiges Gerede der Nachbarn scheut, so macht eine kleine Hochzeitsreise längs der Riviera und kehrt erst heim, wenn die Schwätzer stille geworden sind. Auf meine Diskretion könnt Ihr Euch natürlich verlassen. Ich werde Euch ewig dankbar sein, daß Ihr mich nicht unwürdig gefunden habt, Euch ein zweites Lebensglück begründen zu helfen.

Während ich ihr diesen langen Sermon hielt, belustigte es mich sehr, den Wechsel der Gemütsbewegungen auf ihrem Gesicht zu beobachten. Aber das Spaßhafteste war der Ausdruck von zeremonieller Kälte, den sie zum Schutz gegen mich annahm, als sie sich von der Furcht vor allen verdrießlichen Folgen dieses Abenteuers durch meine weisen Winke befreit sah. Va bene, sagte sie. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise, mein Herr!—Damit nickte sie mir huldvoll wie einem völlig Fremden meine Entlassung zu, zog den Schleier wieder über das Gesicht und ging majestätisch, als hätte sie sich eben nur bei einem Vorübergehenden nach dem Wege erkundigt, die Gasse hinauf, dem Wiedersehen mit ihrem Carlo entgegen. Ich zweifle nicht, daß sie den Auferstandenen aufs zärtlichste begrüßt und aufs unbefangenste belogen haben wird. O die Weiber! Sie sind niemals größer, furchtbarer, erfinderischer und bezaubernder, als wenn sie ein schlechtes Gewissen haben!

Dies ist mein Abenteuer mit der Witwe von Pisa, sagte mein Nachbar und zündete eine frische Zigarre an. Was sagen Sie dazu? Wollen Sie nicht eine Novelle daraus machen?

Behüte mich der Himmel! rief ich. Ich würde mich schön damit "kompromittieren". Welcher deutsche Leser glaubte mir diese tolle Geschichte?

Mag sein, sagte er. Aber daran wären Sie selber schuld. Warum haben Sie die Meinung verbreitet, die Frauenzimmer jenseits der Alpen (wir waren nämlich schon über die Höhe des Mont Cenis gekommen und rollten nach Savoyen hinunter) seien aus ganz besonderem Stoff und von dem schönen Geschlecht in Deutschland grundverschieden? Könnte diese Geschichte nicht ebensogut in unserem teueren Vaterlande sich zugetragen haben?

Was? rief ich erstaunt, Sie glauben im Ernst-Bis auf das Intermezzo mit den beiden Ohren, sagte er feierlich. Denn gottlob, wir leben in wohlpolizierten Verhältnissen, und die Spitzbuben schneiden höchstens Beutel und Zöpfe ab. Was aber die Witwen betrifft-Hier hielt die Diligence vor einem Stationshause, und eine Tasse Kaffee unterbrach unser Gespräch, da es eben drohte, eine sehr bedenkliche Wendung zu nehmen.