»Stimmt! Dr. Weisbach in Wien!« schrie einer.

Einige Studenten fixieren den Redner scharf.

»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daß Sie mich meine bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. Vergönnen Sie nun auch meinem lettischen Bruder und Nachbar einige wenige Minuten!«

Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt stockend: Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. Aber jetzt habe er den Germanen abgestreift und stehe als Slawe hier. (Lebhafter Beifall.) Leider beherrsche er sehr wenig die tschechische Sprache, wolle aber nicht zurückhalten mit einer Entdeckung, die ein berühmter und eifriger Forscher seines Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf dem alle moderne Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar die zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger Gottes die Gebote auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, daß aber Moses die Tafeln zerschlug, als er die Israeliten beim goldenen Kalbe erwischte. Nun, unser Forscher hat jahrelang am Sinai nachgegraben, hat die Scherben der Tafeln gefunden, hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn Gebote waren von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!«

»Was soll das heißen? Was sagt er?«

Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo spricht erregt auf seinen Freund ein.

»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« fährt der Lette fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele Polen glauben, der Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die Argumente unseres Forschers schon nachgeprüft? Haben wir Ihnen nicht auch die Erfindung der Buchdruckerkunst geglaubt? Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen Beseda könne man reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich bis hierher angehört haben!«

Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das Podium, und beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden nach. An der Tür stieg der Lette auf einen Stuhl und rief:

»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, wie Sie sie kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes Gebot: du sollst nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, das heißt also: du sollst kein Tscheche sein!«

Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine deutsche Studentenkappe kommt zum Vorschein.