Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang das Lied:
»Gingen nach Wasser drei Mägdelein
In den weißen See hinein …
Die erste schöpfte die Kanne ein
Und verlor ihr Ringelein.
Mädchen an zu weinen fing –
Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.
Die zweite schöpfte die Kanne ein,
Verlor ihr seiden Tüchelein.
Das Mädchen weinte und klagte genug –
Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.
Die dritte schöpfte die Kanne ein,
Verlor ihr Rautenkränzelein;
Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn –
Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«
Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht.
Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes, der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des Verführers an Gottes Ohr klingen.
Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.
Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann. Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum, der einzige Baum, den er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen gegenüber.