»Soll ich sie zeigen?«
Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen.
»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte.
»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber als die Alten. O jerum!«
Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische Spinnstube nach ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es schon anders hergehen. Nun ja, zweimal waren die Burschen zu Besuch dagewesen und hatten auch Branntwein mitgebracht, aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst war auch nicht viel Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen feinen Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche Leute leisten. Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue Lieder hatte das fremde Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach Hanka, zwei neue Lieder zu singen. Es waren aber diese:
Die entlaufene Mutter.[47]
Kathinka aus Gurich lief davon
Dem Ehemann, dem Saufpatron.
Sie lief bis Malschwitz in toller Hast,
Dort macht sie müde am Hügel Rast.
Mit trübe geweinten Äugelein
Sah sie in Gottes Sonne hinein.
»O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn,
Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?«
»O Maja, Maja, du Blümlein rot,
Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?«
»Und du, mein Merten, du Kleinster, mein,
Wer singt dich heut in den Schlummer ein?«
Da weinte sie laut, da stand sie auf
Und nahm gen Gurich den raschen Lauf:
»Und schlüg er mir auch das Leben heraus,
Ich kehre um und gehe nach Haus!«
Und das andere Lied war dieses:
Die Leichtsinnige.[48]
Und als der junge Bursche erfuhr,
Daß andere liebet sein Schätzelein,
Zog aus der Scheide er sein Schwert
Und bohrt sich's tief ins Herz hinein.
Zur Kirche ging das Mägdelein
Und sprang dann in das Feld hinaus,
Da lag ihr Liebster hinterm Busch
Und ruht' von Leid und Untreu aus.
Das Mädchen weinte, und ihm war bang
– Fast eine ganze Woche lang.