»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. Lassen sich nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ bis auf die Knochen. Eigentlich mein Fall!«
Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold winkte ab.
»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden ist richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich krieg' das Niesen, das Schlucken und den Keuchhusten, wenn ich es sprechen soll. Es ist ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe ist es anders, und für den Verkehr taugt so was gar nischt. Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem Humbug, den sie sonst machen, Volkssitten, Märchen und so – na, da soll man nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem sogenannten Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene Parvenüs züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel in die Stube stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife waschen lassen. Das ist moderner Unfug! Das sind so Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt verstehen von der Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so was nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin kein Unmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also jetzt das neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll jede Familie zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n sogar große Fenster rein, obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus halte. Aber seh'n Sie, Juro, da Sie nu eben mal mein zukünftiger Schwiegersohn sind, da möcht' ich nich gern, daß Sie bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer Furchenklecker. Also, es wird werden!«
Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort:
»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also eingeweiht! Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit dem Kral, das is – das is – ja, wenn ich sagen würde, es is Blech, wär' es zu grob – also sag' ich, es is nich Blech – bloß, es hat keenen Zweck! Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der hat nach dem Kral suchen lassen. Seine Häscher hatten auch den richtigen Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen Mann. Also so einen Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin unter die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade im kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der hieb plötzlich dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, weil er behauptete, der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, und die Häscher sagten sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn sonst hätte ihn kein Wende geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, und der Kurfürst in Berlin saß da mit seiner langen Nase, die ohnehin lang genug war. Jawohl, das ist Tatsache! Das ist Geschichte! Das hat sich keiner aus den Fingern gesogen. Und auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und aufgepaßt, daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten Tschechen ›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und sind Ihre Ahnen, Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer Edelmann hat für so was Verständnis. Aber jetzt, Juro, jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu machen. Aus und vorbei ist es!«
»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast das ganze Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt noch am Kral. Und deshalb darf nicht mein Bruder Samo der Kral der Wenden werden, weil er ihren alten Aberglauben aus Selbstsucht erhalten würde, sondern ich muß der Kral sein, der die Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren Dasein führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist. Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.«
»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im Arbeiterhause werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, wie wir noch die alte Fronordnung hatten, da ist es ja den Bauern nicht gerade berühmt gegangen. Aber die Güter waren gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine schöne Zeit!«
Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk und schüttelte ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so an die »gute, alte, liebe Fronzeit« dachte. Dann raffte er sich auf.
»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns an die Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. Ich kann's Ihnen nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade erfreulich ist, daß es so kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger Plan war da überhaupt nich. Ihre Väterei in Ehren, Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer Wende hat 'ne solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin wie die Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.«
»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, »und deshalb möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag machen.«