Und er zog fort aus seinem Vaterhause.
Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam das Dorf hinab. Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst auf seinen Weg. Hin und wieder begegnete ihm ein Bursch, der seine Mütze zog. Starke, gutmütige Menschen. Aber die Sonne einer höheren Erkenntnis scheint nicht in ihre Heimat, ihre Gedanken irren nur immer um ihre schmalen Felder, und ihre Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer oder an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wie armselig liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche Rauch, der aus dem windschiefen Schornstein steigt, stammt vielleicht von einem Bündel Holz, das der Mann aus dem Walde des Reichen zur Nachtzeit mit pochendem Herzen holte, damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in dieser strengen Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen und weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse noch vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend auch nicht die kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten sich, warum der holde Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, ihnen auch nicht ein einziges buntes Lichtlein schicke. O ihr Träumer, wacht auf! Draußen ist eine reichere Tafel für euch und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine weitere, lichtere Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort steht doch die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, ihr Träumer, seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer Menschenrecht, werdet im Anschluß an die anderen glücklich! Dann aber müßt ihr heraus aus der Enge; denn eure wendischen Stammelrufe hört niemand, versteht und beachtet niemand in der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten könnt ihr nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht satt! – –
Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte hinaus ins Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros Gang, da klangen ein paar Stimmen in seinem Ohr, die ihm einmal lieb waren, da gingen ein paar Heimatsmelodien traurig durch sein Herz.
Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem Stock stark auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts.
Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm in ihren letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: ob er nicht zu stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, ob es notwendig sei, immer seine herausfordernde Meinung so laut zu sagen, oder ob nicht klugem Abwarten eine bessere Aussicht auf Erfolg beschieden sei.
Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen Dingen kein Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und hoffe, daß sich Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, damit er unter diesem Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, was der Mann in schweren Kämpfen vom Weibe hören muß: »Ich glaube an dich; deine Sache ist gerecht!«
Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr ernst. Mit Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth saß er an dem runden Tisch der mit alter solider Biederkeit traulich ausgestatteten Wohnstube seines Herrenhauses, tat einen tiefen Trunk und sagte:
»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. – Es sind Dickköppe!«
Damit meinte er die Wenden.