Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz zu. Mit seiner jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit den Brautjungfern durfte er sich nur dann im Kreise drehen, wenn es der allmächtige Družba erlaubte. Der Bräutigam ist im Wendenland an seinem Hochzeitstag rechtlos.

Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, hinaus in die Nacht. Es war ihm eigen zumute. Wenn er Hanka ansah, die nun seine Frau war, dann sagte er sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe wußte er nichts, hatte er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für Schwärmer und unreife Menschen, nichts für ihn.

In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. König sein, wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur ein König über ein kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben eines Volkes an erster Stelle stehen! Der Mann sein, auf den auch die Slawen anderer Länder mit ehrfürchtiger Scheu sahen, dem alte Leute die Hand küßten und für den der gelehrte Krok die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm!

Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! Und dann den heimlichen, zähen Kampf führen mit dem Soldatenkönig in Berlin! Sich äußerlich bescheiden und doch wissen: ich stehe auf Vorposten gegen dich und bahne den slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner Stadt! Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und Bildung schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich von einem Družba tyrannisieren, trank man mit den Burschen ein Glas Branntwein ums andere. – –


Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande Hochzeit hielten, saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold auf dem Posilip bei Neapel. Und er träumte hinüber zu den silbernen Städten Castellamare und Sorrent und nach Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt lag vor ihm. Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm, es geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur Wahrheit geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen und Träume, denen seine junge Seele nachging, als er noch einsam im Wendenwald war.

Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und war auch das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn es hatte immer Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen selbst Königspaläste nur mit matten Bildern ihre Wände schmücken konnten.

Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim Rauschen des blauen Südmeeres und beim Duft der roten Mandelblüten das Heimweh überkam nach den Sandwegen der Wendei, nach den Föhren an der stillen Spree. Und das geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise getan, sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte.

Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach Hause. –

Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei Briefe gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, nein, die Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich hatte ihm der Vater sogar gegen seinen Willen sein mütterliches Erbteil auszahlen lassen.