Im Silberlicht des Mondes spielte die junge Elbe auf der Bergwiese. Und sie plauderte harmlos wie alle Bächlein, die mit Gräsern spielen und mit lachendem Glick-Glack und Hopp-Schlock über wichtigtuende Hölzchen wegsetzen, die sich ihnen neckend in den Weg legen. Das spielende Königskind, das zu Großem berufen ist, zur Beherrscherin weiter Lande und mächtiger Städte, tändelt hier in seiner Jugendheimat, lacht, tanzt und plaudert wie ein armes Wiesenwässerchen, das im nächsten Dorfteich mündet.
Aber eine ungestörte Jugend haben Königskinder nicht. Alte Leute, die von ihrer großen Mission wissen, nehmen sie von Zeit zu Zeit vom Spielplatz weg, bekleiden sie mit Größe und Würde, mit Brokatgewändern und goldenen Kronen, trichtern ihnen ein trutzig und altklug Sprüchlein ein und stellen sie so dem Volk zur Schau.
»Seht da, das Königskind! Seht die Würde und Größe, die in ihm ruht!«
Also geschieht es auch mit der jungen Elbe. Ihre Wässerchen werden in einem großen Wasserbehälter aufgefangen, der dicht an einem felsigen Abgrund liegt, und wenn der ganze Behälter voll ist und wenn genug Volk da ist, das geneigt ist, seinen Tribut zu entrichten, dann zieht der Wärter, der Gouverneur des jungen Königskindes, eine Schleuse, und das Kind, das eben noch silbern lachte, spricht plötzlich mit donnernden Herrscherworten, entrollt seinen tausendfaltigen Demantmantel, steigt mit Riesenschritten hinab ins Tal.
Freilich, es ist nur ein höfisches Theater, es ist nur, um dem Volk ein Schaustück zu stellen. Kaum ist das Königskind im Tal angelangt, so zieht es den wallenden Demantmantel wieder aus, hört auf, seinen eingelernten Donnerspruch zu sagen, und spielt tändelnd wieder wie andere Kinder. – –
Einsam lag die Gebirgsbaude an der Felsschlucht, wo der alte Wärter am Wasserbassin lehnte und wartete, ob er um ein Stücklein Trinkgeld den »Elbfall« noch einmal »ziehen« können würde. In der Baude saßen Gäste, lachten beim böhmischen Wein. Ein Fiedler spielte, sein Weib schlug die Gitarre. Sie sangen »Gott erhalte Franz den Kaiser« und »Heil dir im Siegerkranz«.
Die drei Künstlermenschen, das Geschwisterpaar Withold und der junge Wende Juro, wanderten draußen durch den lichten Abend, sahen den Himmelskuß des Sternenlichtes auf den Stirnen der Berge, sahen das tiefe dunkle Elbtal hinab einen weißen Nebelschwaden fahren, der war wie ein silberner Kahn auf dunklem Strom. Als die drei zu einem schmalen, steinigen Fußsteig kamen, der in die Elbschlucht führt, sagte Heinrich zu Juro und Elisabeth:
»Steigt ein Stücklein da hinab. Ich gehe hinüber zum Wärter, er muß den Fall noch einmal ablassen. Das wird schön aussehen jetzt im Mondenschein.«
Da standen Juro und Elisabeth erst zögernd still, dann gingen sie beklommen den dunklen, schmalen Felsenweg hinab. Sie waren jung. Sie waren Träumer. Sie liebten sich, und ihre Seelen waren unverdorben. Da war die herzschlagende Scheu in ihnen, die bange Furcht und doch auch die schmerzliche Sehnsucht: jetzt in dieser lichten Abendstunde möge die Zeit gekommen sein, wo das goldene Tor zum Allerheiligsten ihrer Seele aufspringen und sich das Wunder offenbaren würde, das wohlgehütet da wohnte – ihre Liebe.
Langsam stiegen sie den holprigen Pfad hinab, und wenn der Mann dem Mädchen die Hand reichte, dann glühten die Hände ineinander wie im Fieberfeuer, oder sie trafen sich kalt wie in Schreck und Angst.