»Red' mir nicht hinein, Heinrich! König der Wenden, das gibt's nich! Das is eine von den vielen alten Sagen, die die Wenden haben. Unsere Wenden sind gute Preußen, haben ihren König in Berlin, wie andere Preußen, ihren Bramborski Kral. Aber ein König in seiner Art ist jeder freie Landwirt, und nur er, alle anderen bis zum Minister und General hinauf sind abhängige Diener.«
Er nahm einen Schluck aus der Reiseflasche und fuhr fort: »Und Heimat – ist Heimat gar nichts mehr? Irgendein Tand, den man leichten Herzens aufgibt? Sehen Sie, Juro, Ihre Wendenheimat ist schön! Nicht lauter Kernboden – nein, viel Sand und auch Moor dazwischen. Aber doch gutes, treues Land, auf das man sich immer noch verlassen kann. Ja, und ich – ich bin ja eigentlich ein Fremder dort zu Lande. Na, schütteln Sie nich den Kopp! Ich bin ein deutscher Rittermäßiger, der sich im Wendenland sein Gut gekauft hat. Ja, ich kann mich nicht beschweren, die Wenden sind gute Leute. Saufen ja 'n bissel – das tun wir auch – sind auch sonst nicht gerade große Säulenheilige – das sind wir auch nicht –, aber sind fleißige Arbeiter und ehrliche Leute. Juro, ich bin ein Deutscher, aber ich möcht aus dem Wendenland nicht raus; es is mir zur Heimat geworden, wenn ich mir auch jetzt noch mit jedem wendischen Wort die Zunge verrenke. Und Sie – Sie sind doch ein geborener Wende!«
Juro ließ den Kopf sinken und zupfte mit den Fingern an dem kurzen Grase. Der Wind spielte leicht mit seinen schlichten blonden Haaren, und eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen. So sprach er:
»Ach, Herr von Withold, Sie wissen nicht, woran Sie da rühren. Das sind ja die Kämpfe, die ich seit vielen Jahren führe mit meiner Mutter, mit meinem Vater, mit mir selbst, auch mit meinem Bruder Samo. Daß ich für die Landwirtschaft kein Talent und kein Interesse habe, ist ja von meiner Nationalität ganz unabhängig und hat damit gar nichts zu tun. Ich studiere ja auch in der Hauptsache Medizin und höre nur nebenbei einige landwirtschaftliche Vorlesungen. Was mich grämt, ist aber, daß sie mich zu Hause alle als einen Abtrünnigen ansehen, als einen, der sein Wendentum verrät und ein Deutscher wurde.«
Der junge Mann stand auf. Eine große Erregung überkam ihn.
»Ich will's ja nicht leugnen, ich bin ein Deutscher in meinem Herzen. Aber ich wehre mich dagegen, daß ich das Wendentum verraten haben soll. Was sind die Wenden noch? Ein winziges Häuflein, eingesprengt ins große deutsche Volk. Und wie ist ihnen zu helfen? Dadurch, daß sie sich feindselig und eigensinnig absperren? Dann müssen sie verhungern, vor allen Dingen auch geistig verhungern. Wir haben keine große Nationalliteratur, keine nationale Kunst, keine nationale Wissenschaft, keine großen nationalen Schulen, nicht einmal nationale Geschäftsbetriebe. Auf unseren Walddörfern sitzen wir in Armut, und wenn einer hinauskommt und nichts kann als seine wendische Sprache, die niemand versteht, dann wird er ein Helot, und das ganze Volk wird ein Helotenvolk werden. Das will ich nicht, dagegen wehr' ich mich, eben weil ich die Meinigen liebe, und darum müssen wir, die selbst zu schwach sind, uns an ein stärkeres und reicheres Volk anschließen, müssen wir eine Sprache haben, die ins weite Land klingt und auf vielen Märkten und in vielen Hörsälen verstanden wird.«
Er hielt inne und blickte hinunter ins tiefe Elbtal, das den preußischen und den böhmischen Kamm des Riesengebirges trennt. Steil fallen die Felsenwände des böhmischen Krokonosch hinab zum Fluß. Juros Blicke schweiften hinüber zum böhmischen Land. Und er sprach das, was in seinem jungen Grüblerherzen sich in vielen einsamen Stunden gebildet und immer wiederholt hatte, was er wie sein eigenes Evangelium konnte:
»Anschluß an ein glücklicheres Volk, als wir sind, denen das Schicksal durch alle Jahrhunderte die Größe und Selbstherrlichkeit versagt hat! Kapitulation in Ehren! Aussöhnung mit gegebenen Notwendigkeiten, Aussöhnung, die uns nicht schändet, die uns vorwärts führt. Heimatsuchen in weitem Gefild, Heimatsuchen, das meinen stillen, gutmütigen Brüdern und Schwestern nicht schwerfallen wird … Aber nicht dort drüben, nicht bei den Tschechen, die unsere Vettern heißen, die viel glücklicher waren als wir, in viel reicherem Lande wohnen und die doch trotz aller Großmannssucht den Weg zu einer hohen Staffel der Menschheit nicht fanden. Wir wollen Deutsche sein, im Deutschtum vorwärtskommen und ehrlich mithelfen, das, was uns am Deutschtum nicht gefallen kann, zu ändern und zu bessern.«
Der alte Withold reichte Juro gerührt die Hand, und der Mund des jungen, leidenschaftlich erregten Wenden zuckte.