»Ach, wir können die Kinder nach unserm Sinn nicht formen. So wie Gott sie uns gab, muß man sie halten und lieben,« entgegnete Heinrich, der Jüngling. »Siehst du, Papa, diese Verse sind auch dichterisch, zwar nicht von meiner Schwester Elisabeth, aber von Goethe, von Johann Wolfgang von Goethe.«
»Affe!« sagte der Alte. (Er meinte seinen Sohn Heinrich, nicht Goethe.) »Affe!« wiederholte er, »ihr habt Glück, daß ihr so einen schafsgutmütigen Vater habt, sonst – Donnerschlag ja …! Ich amüsier' mich schon immer, wenn ich so 'ne Visitenkarte von einem Studenten sehe: ›stud. med.‹, ›stud. jur.‹, ›stud. phil.‹, ›stud. agric.‹ und was da alles draufsteht. – Da sag ich mir immer, das erste ›stud.‹, das is das, was der Kerl im allgemeinen nicht macht, und das, was dahinter kommt, das is das, wovon er sich ganz besonders drückt. Herr Gott, dahier stehen zwei Studenten, cives academiae, wie es so stolz heißt – Herr Juro und Herr Heinrich, mein vielbegabter Herr Sohn; beide sollen in Breslau Agrikultur studieren, beide sollen ja einmal große Güter übernehmen. Gut! Kommen wir also hier an diese kolossalen Bergwiesen. Müßte man denken – halt – Studenten des Ackerbaues – halt! – was werden die machen? Werden sich gewiß hinstellen und sagen: Bis zu dem Gebüsch da soundsoviel Huben, bis zur Baude soundsoviel Huben und so weiter. Und dann: Verflixt ja, wenn ich diese Prachtwiesen unten im Gelände hätte – das Kroppzeug von Knieholz rodete ich aus – Klee? – Ruchgras? – Luzerne? – Zum mindesten Buchweizen? – Wollen mal sehen! – Aber die Wiesen liegen nu mal hier oben. Viertausend Fuß hoch. Nichts zu machen mit Talbepflanzung. Aber mit Almenwirtschaft, zum Donnerwetter, mit rationeller Almenwirtschaft! Schande und schade um so herrliche Flur! Jawohl, so müßte man denken, würden zwei Studenten sagen, die Ackerbau studieren. Ach, du oller Döskopp! Einer spricht von epischer Breite und lyrischer Unterbrechung und einer pfeift 'ne Melodie, nach der nicht mal sein letzter Pferdeknecht tanzen mag.«
»Herr von Withold, Sie haben ganz recht. Was mich angeht, so befinde ich mich sicher an ganz falschem Platze. Ich habe eben für die Landwirtschaft nicht das mindeste Talent.«
»Na, Juro, so schlimm wird ja das nicht sein. Hauptsache, Sie geben sich Mühe. Seh'n Sie mal, das schöne Gut wartet doch auf Sie! Ein Rittergut können Sie aus der alten wendischen Scholtisei machen, wenn Sie's vernünftig anstellen. Ihr Großvater und Ihr Vater haben ja kolossal zugekauft. Wie groß ist denn Ihr Väterliches jetzt?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Juro achselzuckend.
»Sie – Sie wissen das nicht? Ja, erlauben Sie mal, das – das ist arg! Studiert Ackerbau und weiß nicht mal, wie groß das väterliche Gut ist. – Das ist ja unglaublich! Als ich so alt war wie Sie, kannte ich auf unserem Gute sozusagen jedes Rind, jedes Schaf, jeden Hahn persönlich mit seiner ganzen Lebens- und Familiengeschichte. Und Sie wissen nicht mal – ja, dann ist's allerdings am besten, Sie hängen die Geschichte an den Nagel.«
»Ich möchte wohl, wenn ich es könnte.«
»Aber Mensch, Christ, Bürger, Sie haben doch Traditionen zu erfüllen! Sie können doch nicht mir nichts dir nichts eine so wunderbare Sache fahren lassen. Donnerwetter, bei Ihnen ist ja von Bauernwirtschaft gar keine Rede mehr, das ist doch ein großes Gut! Ja, Mensch, wollten Sie denn lieber ein ärmlicher Stubenhocker sein, als über eigenen Grund und Boden schreiten als freier Mann, dem niemand auch nur ein Wörtlein zu sagen hat, der lebt wie ein König?«
»Wie ein König der Wenden!«