»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten, keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid! Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes. Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude? Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal besser!«
»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.
»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig sitzen bleiben auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder, zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele, die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren es eure Väter und Urväter. Ist das so?«
»Ja, das ist so!«
»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät, sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?«
Ein alter Bauer stand auf.
»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.«
Juro wurde wieder erregt.
»Das ist die alte – die alte – ich will es nicht aussprechen. Niemand kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat, hat eine fleißige, genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend, wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure, ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt. Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denkt an jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!«
»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und gehören zu den Slawen!«