»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland – was käm' heraus? Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden, Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die Ungarn, mit denen sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche Einwohner des großen deutschen Landes sein!«

Nun stand Samo auf.

»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!«

Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht zwischen Juro und Samo ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus:

»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen, sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen Gesangbücher verbrannt, soll …«

Er wurde unterbrochen.

»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.

»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.

»Und – und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache schämt, der soll – der soll gehen …«

Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen.