»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.
Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen; er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos Wunsch verhindern müssen.
So war Hanka in schwerster Verlassenheit.
Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten, schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er – seit er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war – einen Haß auf alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.
Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! –
Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige Wirtin, der fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein Frauenzimmer mitgenommen.
Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin, um etwas von dieser Kunst zu profitieren.
Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen, abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch noch in den Gesichtern jener Männer.
Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:
»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft genug zur Kirche gerufen.«