Und die deutsche Sprache kam mit ihnen. Aber die Wenden suchten sie auch selbst auf den Märkten, in den Fabriken, in den Studiersälen. Aufgezwungen darf sie nicht werden. Nationalität ist Liebe, und Liebe kann nicht erzwungen werden!

Friede war auch bei den Menschen, von denen dies Buch erzählt hat.

Hanka war die aufrechte, starke Herrscherin auf dem Hof des alten Scholta Hanzo. Als sie von dem Tode ihres Mannes erfahren hatte, legte sie weiße Trauerkleider an und trug sie ein Jahr und einen Tag. Sie sprach nie von Samo, aber sie wies alle Freier, die sich an sie drängten, herb und kurz ab. Selten versah sich jemand von ihr eines übermäßig freundlichen oder gar scherzenden Wortes; sie hielt strenge Zucht, und sogar der alte Kito bekam öfters seinen Tadel. Aber sie war gerecht. In ihrem ganzen Haus und Hof war nichts Unordentliches, nichts Unsauberes. Die alte Wičaz mit ihrem Sohn hatte fortziehen müssen. Der Scholta überließ Hanka mehr und mehr das volle Regiment, und der Wohlstand mehrte sich von Jahr zu Jahr.

Über ihrem Söhnchen Hanzo wachte sie mit äußerer Kühle, aber desto innigerer Herzenssorge. Einmal, als der Knirps eben fünf Jahre alt geworden war, trat er vor seine Mutter, hatte einen Papierhelm auf dem Kopfe und einen Holzstecken als Schwert an der Seite und sagte: »Mutter, ich bin der Kral!«

Da erschrak Hanka so, daß sie erst kein Wort herausbrachte. Dann berief sie den alten Kito und fuhr ihn hart an. Es stellte sich heraus, daß Kito unschuldig war; die Knaben auf der Gasse hatten dem kleinen Hanzo zugerufen, daß er der Kral sei.

Da sagte Hanka kein Wort mehr über diese Sache, aber sie gewöhnte ihren Sohn noch mehr als früher an Bescheidenheit und friedfertiges Wesen.

Zweimal im Jahre ließ sie die gute Kutsche anspannen und fuhr zu Besuch auf den Hof des Herrn von Withold. Und der alte Edelmann nannte sie »gnädige Frau« und küßte ihr die Hand. Mit Elisabeth verband sie seit den Tagen von Breslau eine stille Freundschaft. Von Juro hielt sie sich ferner. Sie fragte ihn nie um Rat, auch nicht wegen der Erziehung ihres Sohnes, dessen Pate er war. Desto größere Zärtlichkeit brachte sie seinem Töchterchen entgegen, das das einzige Kind seiner Ehe geblieben war. Juro lebte mit seiner Frau auf dem Gut seines Schwiegervaters. Sein Schwager Heinrich hatte seinen Willen, sich ganz der Musik zu widmen, durchgesetzt. Er war Kapellmeister in einem kleinen Hoftheater geworden. Er hatte eine Oper geschrieben, die allerdings durchgefallen war; aber sein Leben war nicht ohne Glanz, denn sein Heros Richard Wagner hatte ihn einmal auf die Schulter geklopft und »Mein lieber, geschickter Freund!« zu ihm gesagt. Von solcher Hocherinnerung ließ sich leben.

Juros ärztliche Praxis war nicht bedeutend. Es gab immer noch viele Wenden, die ihre Krankheiten besprechen ließen oder sich mit Hausmitteln behalfen. Immerhin: nach geraumer Zeit sickerte durch, daß der »Pán doctor« selten für seine Hilfe Geld beanspruche, ja daß er bei armen Leuten eher etwas aus eigener Tasche zulege. Und nun mehrten sich die Patienten. Juro sprach mit den Leuten wendisch. Manchmal – wie von ungefähr – sprach er deutsch. Und das war immer ein leises Examen. Endlich kam eine Zeit, wo ihn die Leute fragten, was sie mit ihren Kindern beginnen sollten, wenn sie aus der Schule entlassen wurden. Dann gab er ihnen die Ratschläge, die seine Überzeugung ihm vorschrieb. – –

Eines hatte die Großbäuerin Hanka lange gequält. Ihr Schwiegervater Hanzo hatte einmal in einer ernsten Stunde zu ihr gesagt: