»Hanka, ich muß dir etwas anvertrauen, was eigentlich nur eine Sache für Männer ist. Aber seit Samo tot ist, stehst du an seiner Stelle. Der kleine Hanzo ist ein Kind, mit dem ich über solche Dinge nicht reden kann. Und Juro hat verzichtet und steht abseits. So will ich dir sagen, wohin unsere alte Krone gekommen ist, als sie aus dem heiligen Hügel gerissen wurde, damit du es deinem Sohne anvertraust, wenn er groß ist und ich nicht mehr bin. – Die alte Krone habe ich mit Samo in nächtlicher Zeit unter unserer Kirchhoflinde begraben, dort, wo die Mutter liegt und wo ich einmal liegen werde. Und die Krone wird über unsern Häuptern sein, wenn wir da schlafen. Niemand weiß das; die Kronenstätte ist dem wendischen Volke fortan unbekannt. Nur der Kral darf sie wissen und sein Erbe. Das ist dein Sohn. Und bis er es erfahren kann, sollst du es wissen!«

Nach dieser Aussprache war die Großbäuerin Hanka tagelang bleich und vergrämt umhergegangen, so daß die Leute unter sich flüsterten: »Die Frau ist krank!« Das war aber, weil kein Schlaf mehr über ihre Augen kam. Denn in der Nacht, wenn Hanka in halbwachem Traumschlummer lag, trat Samo an ihr Bett, sah sie mit heißen, verängstigten Augen an und rief:

»Die Mutter muß die Krone vom Kopfe nehmen!«

Das war wie in den schrecklichen Tagen von Prag. Und wenn der Morgen kam, grübelte Hanka, was sie tun solle. Ein einziger Mensch war, den sie hätte um Rat fragen können, das war Juro. Aber sie fragte ihn nicht. –

Nach sieben bangen Tagen und sieben schweren Nächten hatte es Hanka mit sich ausgemacht.

Heimlich verließ sie zur Nachtzeit Haus und Hof. Gestählt durch ihren bewußten Willen, ging sie zum hochgelegenen Gottesacker. Alles, was an Furcht- und Spukgestalt seit der Kindheit Tagen in ihrem Herzen lebte, war besiegt. Und sie ging zu der Linde, unter deren Krone die Frau ruhte, mit der sie in dies Dorf gezogen war. Sie stach mit ihrem Spaten vorsichtig den Rasen ab. Sie grub. Das Herz bangte ihr, der Spaten werde den Sarg jener Frau treffen, aber es geschah nicht. So arbeitete Hanka zwischen Grabsteinen und alten Holzkreuzen im Mondenlicht.

Und sie fand zwischen den Wurzeln des Slawenbaums, der Linde, die silberne Krone. Die putzte sie mit ihrer Schürze ab und legte sie beiseite. Dann schloß sie die Grube, fügte den Rasen auf seine Stelle.

Eine kleine Weile stand sie an dem Grabe und sprach in ihrem Herzen:

»Ich wollte deine Ruhe nicht stören, gute Mutter, aber ich mußte diese Krone holen, weil es dein Sohn Samo verlangt. Nun sollt ihr beide in Gottes Frieden ruhen!« Die Krone trug Hanka auf ihrer Brust unter dem großen Umschlagtuch davon.

Und sie ging auf Seitenwegen hin zur Spree.