»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist ein Fräulein, man sieht es gleich.«
Samo ging allein durch die Seitengasse. – – –
Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine Königswürde.
Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.
Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand. Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten.
»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn begrüßten. Der König lud sein Volk zum Mahle. Im Großgarten waren lange Tafeln aufgeschlagen; in allen Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und Stühle. Das war kein gewöhnlicher zakopowane[9] mit gelber Suppe und etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl mit gekochtem und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein und Tabak für die Männer und Kaffee mit Kuchen und Schokolade für die Frauen. Selbst Zuckererbsen für die Kinder gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral ging ein paarmal durch die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede an und sprach selbst selten ein Wort.
Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen.
Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die Burschen sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob sie heut abend im Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt muß werden bei einem so großen Begräbnis.«
»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird nicht tanzen. Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist sie hier.«