»Wo ist Juro?«
»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel gemeiner«[10]. – – –
Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war ihm zuwider. Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das Klingen der Gläser an. Barbarisch ist das, abscheulich! Es ekelte ihn.
Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken der Mutter nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein junges Leben vergoldet hatte.
Schließlich mußte er doch umkehren.
Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. Juro kannte den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker aus Bautzen, war er. Juro wußte seine ganze Geschichte. Wie er mit einem Stipendium des preußischen Königs studiert, wie er dann seine ganze Lebensarbeit der Erhaltung des wendischen Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann, der seine kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen herausgab, selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb, das Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt wie dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau kannte man ihn, aus Prag wallfahrteten tschechische Politiker, Schriftsteller, Studenten zu ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag an seinem schwarzen Rock den russischen St. Annenorden zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die Panslawisten aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«[11] ihre Hoffnungen setzten.
Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der wirkliche, geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle Erbe des wendischen Königtums.
»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer Sprache.
»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete Juro deutsch.
Schmaler sah überrascht auf ihn.